Ein Schreiben unserer Rechtsanwälte bezüglich der Klage gegen die BRD, genauer gesagt gegen das Luftfahrt Bundesamt, erstaunt mich. Sie übermitteln uns eine Zwischeninformation des Landgerichts in Braunschweig, in der uns mitgeteilt wird, dass es aufgrund anderer »komplexer und umfangreicher« Verfahren vollständig ausgelastet sei – viele davon »deutlich älter als das vorliegende«. Ein mündlicher Verhandlungstermin sei daher frühestens im nächsten Jahr möglich. Unsere Rechtsanwälte schreiben dazu: »An einem späten Verhandlungstermin werden wir bedauerlicherweise kaum etwas ändern können.«
Wieso hat nach nunmehr neun Jahren das Gericht keine Zeit für die armen Opfer!? 149 Menschen kamen in dem Flugzeug ums Leben. Einfach mal so? Ist es nicht absolut notwendig jeden noch so kleinen Schritt schleunigst aufzudecken und zu benennen, der zu dem verheerenden Flugzeugabsturz führen konnte? Wer trägt die Schuld? Wer übernimmt die Verantwortung? Und was müsste konkret geschehen, um solche Vorfälle künftig zu verhindern?
Stattdessen stellte der Staatsanwalt Kumpa das Verfahren lapidar ein, vermutlich auf höhere Anweisung hin (siehe Blogbeitrag „Rechtsstaatlichkeit?“. Die Lufthansa weist jede Schuld von sich, während die Gerichte feststellen, dass die Haftung beim Staat liegt.
Ich bin äußerst unzufrieden mit dem Verlauf der juristischen Aufarbeitung. Das untrügliche Gefühl drängt sich auf, dass die Entscheidungen der Richter nicht neutral sind, und wir zudem hingehalten werden. Die Zermürbungstaktik zeigt Wirkung. Viele Angehörige haben aufgegeben, sind erschöpft und resigniert. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Einige haben sich von der Lufthansa abfinden lassen und verzichten damit auf weitere Klagen.
Hinzu kommt, dass die Mühlen der Justiz äußerst langsam mahlen – es sei denn, der Staat sieht sich direkt bedroht, wie beispielsweise bei einem Terrorakt. Leider ist das bei diesem Flugzeugabsturz nicht der Fall. Es sind ja auch nur 149 Menschen ums Leben gekommen. Man möge mir den Zynismus verzeihen.
Nur was wird sein, wenn sich solch eine Katastrophe wiederholen würde? Die Wahrscheinlichkeit ist gegeben, da ihre Ursachen nicht detailliert genug aufgeschlüsselt oder anerkannt sind, um dergleichen effektiv zu verhindern. Dazu gehören Veränderungen der ärztlichen Schweigepflicht für Angehörige sensibler Berufe. Ebenso wichtig ist eine Verbesserung des Zugangs zu Cockpittüren. Die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen wurden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingeführt und dienen vor allem dem Schutz vor Bedrohungen von außerhalb des Cockpits. Doch was, wenn die Gefahr bereits in der Flugzeugkabine lauert? Die französische Untersuchungsbehörde BEA erklärte uns, dass es bei dieser Tür keine gleichzeitige Sicherheit sowohl von innen als auch von außen geben könne. Leider kann man uns Hinterbliebenen viel sagen und erklären. Wir sind keine Experten, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Die Zweipersonenregel, die dem Schutz des Cockpitinneren dienen sollte, wurde nach der Katastrophe eingeführt, jedoch bald darauf wieder abgeschafft.
Nach dem Absturz des Airbusses wurde intensiv darüber diskutiert, welche Veränderungen nötig wären, um solch ein schlimmes Ereignis künftig zu verhindern. Vieles davon verlief im Sande. Inzwischen ist Gras über die Geschichte gewachsen. Das Interesse der Öffentlichkeit hat erheblich nachgelassen, und die Gerichte haben keine Zeit für die armen Opfer und uns. Vermutlich wird die große Gerechtigkeit, die ich mir für Jens ersehne, ausbleiben. Niemand wird die Verantwortung übernehmen.
Da die Wiederholung solch einer Tat als extrem selten angesehen wird, breitet sich der Mantel des Schweigens über den Tod unserer Lieben aus. Er bekommt nur Löcher, wenn Jahrestage oder sonstige Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz auf sich aufmerksam machen.
Das Risiko ähnlicher Tragödien bleibt bestehen – es ist gewissermaßen vorprogrammiert. Und doch ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich eine solche Katastrophe erneut ereignet. Aber wie unwahrscheinlich war es, dass ausgerechnet unser Jens in genau dieses Flugzeug stieg?
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
