12.05.2024, Mittwoch – die feine Grenze zwischen Trauer und Egoismus

Das Thema ist zugegebenermaßen etwas heikel, da es nicht wenige Hinterbliebene gibt, die um einem geliebten Menschen trauern und den eigenen Schmerz als den größten empfinden. Das ist verständlich, denn jeder Verlustschmerz verläuft anders. Gewisse Erscheinungen sind im ersten Schock nur vorübergehend, und Außenstehende haben oft keinen tieferen Einblick, sodass sie manches Verhalten als egoistisch auslegen, obwohl es anders gemeint sein könnte. Vorsicht ist geboten.
Die Reaktionen des Trauernden können sich gravierend verändern, was zu Missverständnissen und Konflikten mit der Umgebung führen kann.
Was betrauern wir eigentlich? Die gemeinsamen Erlebnisse oder die geteilten Gefühle und Beziehungen oder in erster Linie unseren eigenen Verlust?
Jens starb vollkommen unerwartet und auf gewaltsame Weise. Unterschiedlichste Menschen kümmerten sich um uns. Manchmal war es mir sogar zu viel, obwohl die Helfenden es gut meinten. Doch derjenige, der einfach alles aufgeben musste, war unser Jens, ebenso wie alle anderen Insassen des Airbusses. Er hat sein Leben, seine Träume und Hoffnungen verloren. Die Schönheiten, die das Leben bietet, kann er nicht mehr genießen …
Um so unverständlicher ist es, wenn einzelne Trauernde ständig betonen, wie schwer ihre eigenen Verluste wiegen, und dies in einer Endlosschleife. Da tönt es nur: ich, ich, ich …, mein, mein, mein …, mir, mir, mir …, usw. Der Trauernde konzentriert sich zu oft auf den eigenen Verlust und Schmerz, jedoch weniger auf das, was das eigentliche Opfer durchmachen musste. Er betrauert hauptsächlich die Möglichkeiten, die er selbst verloren hat, in der Beziehung mit der geliebten Person.
Das mag zwar zutreffen, aber oft wird außer Acht gelassen, dass der Verstorbene Gewalt, Angst, Panik, Krankheit, Schmerzen oder andere Qualen erlitten hat. Des Toten wird nicht wirklich gedacht. Stattdessen schlägt die Trauer in übermäßiges Selbstmitleid um, das fordernd und selbstsüchtig werden und zur Belastung für die Mitmenschen werden kann.
Eine weitere Form der Trauer zeigt sich darin, dass der Hinterbliebene jegliche Hilfe oder Unterstützung ablehnt, weil er glaubt, dass niemand seinen Schmerz begreifen kann. Auch dies könnte als ichbezogen angesehen werden.
Natürlich ist es wichtig und befreiend, das persönliche Leid mitzuteilen. So können Außenstehende besser helfen oder die Situation verstehen. Die Vorstellung, dass die eigene Trauer egoistisch sein könnte, kann wiederum dazu führen, dass Hinterbliebene sich schuldig fühlen und ihre Gefühle unterdrücken. Sie befürchten, anderen zur Last fallen oder als übermäßig sensibel wahrgenommen werden, was den Trauerprozess erheblich erschweren kann. Eine mögliche Folge ist, dass sich Trauernde isolieren.
Jedes Leben geht einmal zu Ende, und es ist bedauerlich, um nahezu jedes. Die Betroffenen haben auf ihre Weise gelebt und lassen Erinnerungswertes zurück.
Sogar Tiere spüren den Tod und können um einen bekannten Artgenossen oder ihren Besitzer trauern.
Es kommt vor, dass sogar materielle Einbußen berechnet oder aufgelistet werden, die durch den Tod eines engen Verwandten entstanden sind. Manchmal wird auch aufgerechnet, was man zu Lebzeiten des Verstorbenen für ihn ausgegeben hat, etwa für Ausbildung und anderes. Durch sein Ableben waren all diese Ausgaben umsonst.
Natürlich sind solche Fälle verständlich, wenn die Hinterbliebenen arm sind, in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken, ihr Haupternährer ums Leben gekommen ist oder weitere entsprechende Gründe vorliegen. Wird aber der Verstorbene genutzt, um Aufmerksamkeit oder gar finanzielle Vorteile, zu erlangen, fühlt es sich falsch an.
Manchmal sind Trauernde nicht mehr in der Lage, sich auf die Probleme anderer zu konzentrieren. Sie haben genug zu tun, mit den eigenen Empfindungen klar zukommen. Sie sind weniger empfänglich für die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Die Prioritäten haben sich geändert, und ein Mangel an Empathie kann eintreten. Der Betroffene ist möglicherweise unfähig, das Leid oder die Trauer der nahen Verwandten wahrzunehmen oder anzuerkennen.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Verlust kann dazu führen, dass andere Beziehungen vorübergehend in den Hintergrund treten. Der Trauernde könnte sich vernachlässigt oder nicht wahrgenommen fühlen, was als egoistisch empfunden werden kann, obwohl es Teil des natürlichen Trauerprozesses ist.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Grenzen zwischen Trauer und Egoismus fließend sind. Egoismus ist oft eine unbewusste Reaktion auf Schmerz und Verlust. Trauernde handeln in der Regel nicht absichtlich egoistisch, sondern versuchen, mit ihren schwierigen Emotionen umzugehen. Es wird jedoch problematisch, wenn diese ichbezogenen Tendenzen über einen längeren Zeitraum anhalten und sich nicht auflösen, weil dies das Umfeld enorm belasten kann.
© Brigitte Voß


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