Da sich das Jahresgedenken zum 10. Mal jährt, sind die Medien aufmerksamer als in den letzten Jahren und wagen sich mit längeren Dokumentationen und Podcasts hervor. Das ist gut. Die Katastrophe wird nicht vergessen, und unsere Lieben leben in der Erinnerung weiter. Nur haben die folgenden Dokumentationen sehr unterschiedliche Denkansätze.
Die vierteilige Dokumentation »Der Germaningsabsturz« von der Journalistin Justine Rosenkranz (WDR) erschien Ende Januar in der Mediathek und wurden am 10.03.2025, 22.15 Uhr, in der ARD ausgestrahlt. Am 24.03. wird man sie im WDR und am 30.03.2025 im MDR, jeweils ab 22.15 Uhr sehen können.
Es ist der erste Tatsachenbericht, der sich nach 10 Jahren sachlich mit dem Flugzeugabsturz auseinandersetzt. Es ist eine gründliche und gut gemachte Chronologie. Frau Justine Rosenkranz hält sich in ihrer Dokumentation an die vorhandenen Untersuchungsergebnisse und macht die Katastrophe am Copiloten Andreas Lubitz, aber auch an der Lufthansa fest. Sie unterlegt dies mit zahlreichen Interviews und lässt dabei Hinterbliebene sowie Experten unterschiedlicher Richtungen aus Frankreich und Deutschland sprechen. Leider sollen sich die Lufthansa und der Vater des Copiloten geweigert haben, ein Interview zu geben.
Die spezielle Machart kommt ohne Moderation aus. Dass das funktioniert, hätte ich nicht gedacht.
Ich möchte den Inhalt an dieser Stelle nicht wiedergeben, der Interessierte kann sich die vier Folgen selbst ansehen, um sich eine Meinung zu bilden.
Die Streamingdienste Sky und WOW veröffentlichen ebenfalls eine dreiteilige Dokumentation »Germanwings: Was geschah an Bord von Flug 4U9525?« der Filmemacher Nils Bökamp und Thomas Rogers. Auf WOW haben wir sie bereits gesehen. Sie stellt die Schuld des Copiloten Andreas Lubitz infrage und hält sich in vielen Punkten an die Aussagen seines Vaters Jürgen Lubitz und des von ihm engagierten Gutachters Tim van Beveren, die sie auf einer Pressekonferenz zum zweiten Jahresgedenken 2017 vorgestellt haben.
Die Macher dieser Doku sind Investigativjournalisten. Auch hier möchte ich nichts wiederholen, auch hier möge der Interessierte sie sich anschauen und selbst urteilen. Die Doku hinterfragt Unstimmigkeiten rund um das Fluggeschehen und spricht den Verdacht aus, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. Ein alternativer Flugverlauf wird nicht gegeben, was ich gut finde. Die von dem Flugsicherheitsexperten Simon Hradetzky, bekannt durch seine Website AvHerald, näher untersuchten Ungereimtheiten, sollte man meiner Meinung nach, nicht lapidar als Verschwörungstheorien abtun. Es sind Denkansätze, die sich als wahr herausstellen könnten. (Siehe auch: Blogbeitrag »30.11.2024, Sonnabend – Germanwings 9525: Vertuschte Wahrheiten und unbequeme Fragen?«)
Leider bin ich kein Experte. Ich kann über die Erklärungen, die uns die Fachleute geben, nachdenken und sie möglicherweise akzeptieren. Jeder trägt seine Wahrheit mit der Inbrunst der Überzeugung vor – darunter sicherlich auch falsche. Doch welcher soll ich glauben?
Natürlich möchte ich genau erfahren, was zum Tod von Jens geführt hat. Allerdings würde ihn das nicht zurückbringen. Er ist und bleibt tot. Das ist schlimm. Aber nur mit richtigem Wissen kann richtig gehandelt werden, können Flugzeugabstürze und andere Katastrophen durch entsprechende Maßnahmen vermindert oder verhindert werden. Und man kann Schuldige zur Rechenschaft ziehen.
Die Indizien und die Beweislage gegen den Copiloten und die Lufthansa sind für mich schlüssig und erdrückend, doch wie geht das einher mit denen in der Sky-Doku aufgeworfenen Fragen?
Mit all dem wird man als Angehörige eines Opfers zum Jahresgedenken konfrontiert. Beim Anschauen dieser Dokumentation werden viele bedrückende Gefühle, die sich im Laufe der Zeit eingestellt haben, erneut an die Oberfläche gespült. Es spielt keine Rolle, dass mein Mann und ich bei den Interviews von Frau Rosenkranz dabei waren. Wir würden es jederzeit wieder tun.
Die Trauer um einen geliebten Menschen, dem man gern in aller Ruhe gedenken möchte, ist schon schwer genug. Auf der anderen Seite kommen in guter Absicht die Dokus einher, die das ohnehin belastete Herz aus dem Takt bringen können. Und niemand weiß, was auf die beiden Veröffentlichungen folgen wird. Eine Schlammschlacht der Ansichten auf dem Rücken der Angehörigen? Eine sachliche Auseinandersetzung mit all den offengelegten Dingen wäre wünschenswert – ein Abwägen von Für und Wider, was nur von objektiven und glaubhaft unabhängigen Fachleuten gewährleistet werden kann.
© Brigitte Voß
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