Ich frage mich, warum ich so viel Anteil am Tod des kleinen Jungen in Südfrankreich nehme. Kinder verschwinden, werden ermordet, haben einen Unfall – das passiert überall auf der Welt, ebenso in Deutschland. Wir, jedoch, haben unseren Sohn in Le Vernet verloren. Seitdem sind wir mit der Region für immer verbunden. Sind wir dort, empfinden wir eine mächtige Nähe zu Jens, was nicht jeder verstehen kann, doch damit sind wir unter den Angehörigen nicht allein.
Einen Tag nach der Rückkehr aus Le Vernet, wurde in einem französischen Netzwerk behauptet, eine Spaziergängerin hätte im Wald einen Schädel gefunden und dass dieser zu Émile gehören würde. Zunächst war ich überzeugt, dass es ein Fake ist. Doch die Meldungen verdichteten sich. Die Zeitungen, die davon berichteten, wurden mit der Zeit seriöser. Ich war geschockt. Kurz nach den ersten Informationen richtete ein französischer Nachrichtenkanal einen Live-Thread ein, den ich auf youtube verfolgen konnte. Ich sah die Absperrung nach Haute-Vernet und erneut jede Menge Gendarmerie. Das gehört offensichtlich von Neuem zum Alltag des Bergdorfes. Es bewahrheitete sich, dass eine Wanderin den Schädel während eines Spaziergangs etwa 2 km vom Dorfzentrum entfernt talabwärts entdeckte. Die Untersuchung der DNA ergab, dass es sich um die Knochen des verschwundenen Kindes handelte.
Immerhin hat die Mutter jetzt die traurige Gewissheit, dass ihr kleiner Sohn nicht mehr lebt. Die Ungewissheit schürt zwar Hoffnung, aber sie quält, weil das Bewusstsein zusätzlich weiß, dass er tot sein könnte. Ich war nahezu erleichtert, als wir nach etwa zwei Monaten erfuhren, dass die DNA von Jens identifiziert werden konnte, und eine Beerdigung möglich war. Das mag verwunderlich klingen, doch schmerzvolle Zweifel waren damit beendet …
Die Spaziergängerin, die den Schädel fand, verhielt sich merkwürdig. Sie hob ihn auf, steckte ihn in eine Plastiktüte und brachte ihn zu sich nach Hause. Erst dann rief sie die Gendarmerie an. Das entsprach mit Sicherheit nicht den Vorgaben der Polizei. Sie erinnerte sich, dass sie etwa einen Monat vorher den gleichen Weg gegangen war, ohne dass der Schädel dort lag. Die Frau wurde eine Weile beobachtet, doch stellte sie sich als »harmlos« heraus.
Der Fundort des kleinen Émile verwundert, da das Gebiet mehrfach von Polizei und Freiwilligen durchsucht worden war. Es könnte sein, dass der Schädel erst kürzlich an den Ort gebracht wurde.
Vergangenes Jahr wandte sich die Mutter anlässlich des dritten Geburtstages ihres Sohnes mit einer Sprachnachricht an Personen, die möglicherweise etwas über sein Verschwinden wissen könnten. Sie flehte sinngemäß, man solle ihnen sagen, wo er sei, ihn zurückgeben, damit die Familie ein Grab hat, an dem sie trauern kann.
Sie bot sogar an, dass der Betreffende dies auf anonyme Weise tun könnte, denn sie wollten nicht den Rest ihres Daseins in dieser fürchterlichen Angst leben.
Zusätzlich zu Émiles Schädel wurden wenig später weitere Knochenfragmente unweit des ursprünglichen Fundorts entdeckt, die zweifellos dem Kind zugeordnet werden konnten. Seine Kleidung wurde einige Meter entfernt, abseits des Waldweges, gefunden, dazu gehören eine Unterhose, ein T-Shirt sowie die Schuhe.
Der Fund des Schädels hat zwar Gewissheit über das Schicksal des kleinen Jungen gebracht, jedoch viele Fragen bleiben offen. Die Todesursache ist unklar. Wie gelangten die Überreste an den Fundort? Haben wir es mit einem Verbrechen zu tun?
Die Polizei zeigt sich bedeckt, die Ermittlungen gehen weiter.
Ich bin traurig.
© Brigitte Voß
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