Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) finde ich faszinierend und beängstigend zugleich. Ich beschäftige mich gern damit und stoße dabei auf erstaunliche Fortschritte. Ein eindrucksvolles Beispiel sind Sprachbots, die mittlerweile sogar in der Trauerbegleitung eingesetzt werden.
Immer wieder tauchen sehnsüchtige Vorstellungen auf, Jens würde zur Tür hereinkommen, und alles wäre wie früher – mit all seinen Freuden, aber auch Misstönen. Vielleicht könnte mir so ein Bot helfen, wenn ich wenigstens mit ihm reden dürfte?
Sogenannte Trauerbots oder Deadbots, die mithilfe einer künstlichen Intelligenz erschaffen werden, könnten diesen Wunsch erfüllen.
Das Wort Bot leitet sich von Roboter ab.
Ein Sprachbot/ Chatbot ist ein Computerprogramm, das durch Anwendung einer KI entwickelt wurde. Sie wertet all die Daten aus, die über die entsprechende Person gesammelt wurden. Wenn diese noch lebt, kann sie mündlich die zahlreichen Fragen der KI über eine App selbst beantworten. Anhand des vorhandenen Datenmaterials wird sie trainiert, die charakteristischen Merkmale des Betreffenden nachzuahmen – wie er spricht, seinen Wortschatz, seine individuelle Grammatik, seine Denkweisen, seinen Humor, seine Interessen und mehr. Die KI erkennt Muster, um so die Persönlichkeit und den Sprachstil nachbilden zu können. Nach seinem Tod kann sich der Hinterbliebene über dieses Programm mit dem Toten unterhalten, ihn beispielsweise um Rat fragen, etwas über sein Leben sowie dem damaligen Zeitgeist erfahren oder einfach nur mit ihm quatschen. Hätte Jens solch eine App zu seinen Lebzeiten besprochen, könnte ich jetzt mit ihm in einen Dialog treten. Allerdings weiß ich nicht, ob es mir guttun würde.
Ist die fragliche Person bereits verstorben, ist die KI darauf angewiesen, was aus ihrem Nachlass und digitalen Spuren eingespeichert wird, um derartige Gespräche zu ermöglichen. Fotos, Texte, Sprachaufnahmen und ähnliche Dokumente tragen dazu bei, ein vollständigeres Bild zu erstellen.
Es ist zwar ein wenig gruselig, aber meine Neugierde würde siegen, und ich würde es versuchen, um mit dem toten Jens zu sprechen. Ich kann ja die App jederzeit abstellen. Ich könnte seine Stimme hören und mit ihm reden. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, bewusst von ihm Abschied zu nehmen. Aufgrund der Umstände seines Todes war das unmöglich. Würde es mich trösten? Ich bin verunsichert, weil es nicht echt wäre. Es ist schließlich nur eine Simulation und ungefähre Kopie. Ich weiß, dass Jens tot ist. Würde sich trotzdem ein Gefühl von Nähe einstellen? Hilft so etwas bei der Trauerverarbeitung? Jeder Trauernde reagiert anders. Gefahren bestehen, insbesondere bei Kindern. Die Grenzen zwischen Leben und Tod werden verwischt, und psychische Störungen könnten die Folge sein. Die Realität des Verlustes könnte verdrängt und die Wahrnehmung der verstorbenen Person verzerrt werden.
Kann eine künstliche Kopie die Merkmale eines Menschen vollkommen erfassen? Unsere Psychen sind vielschichtig, wir sind komplexe Wesen. Solch ein Bot kann eine lebende Person niemals 1:1 wiedergeben, außer, das gesamte Gehirn würde kopiert. Dann wäre das perfekte Double entstanden. Verstörend!
Sprachbots geben die Erinnerungen des Verstorbenen an den Gesprächspartner weiter oder können in ihm längst Vergessenes aus den Tiefen seines Hirns wieder auftauchen lassen. Wissen wird bewahrt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Historische Ereignisse werden hautnah vermittelt.
Vielleicht würde ich mich aus meiner heutigen Sicht gern noch einmal mit den Großeltern oder Eltern unterhalten, damit sie mir ihre Lebenszeit besser erklären könnten. Oder ich würde Oma fragen, wie sie den leckeren Mohnkuchen gebacken hat … Wenn es nur bei den harmlosen Dingen bliebe. Dem Schutz der persönlichen Daten, mit denen der Bot gefüttert wird, kommt hier eine besondere Bedeutung zu.
Die Entwicklung der Trauer-/Sprachbots steht noch in den Kinderschuhen. Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn sich solche Bots etabliert haben, der Wunsch der Hinterbliebenen, mit dem Verstorbenen in Kontakt zu treten, von Unternehmen kommerzialisiert wird, zum Beispiel durch teure Abos.
Die Errungenschaften der KI sind schwindelerregend. Die Idee, nach dem Tod mit einem geliebten Menschen weiter zu sprechen, die Sehnsucht nach seiner Nähe und Vertrautheit hat etwas zutiefst Menschliches an sich. Die KI bietet diese Möglichkeit, doch wird sie nur ein schwacher Abglanz sein, der durch die Auswahl der Daten, mit denen die sie gespeist wird, auch noch manipuliert werden könnte.
Ich behalte ihn lieber in Erinnerung, wie ich ihn empfunden habe. Er lebt in unseren Gedanken und Gesprächen weiter. Die sind echt.
Jens wird nie wieder durch die Tür kommen, und diese bittere Realität bleibt unveränderlich. Trotzdem mag ich nicht in einer Scheinwelt leben.
© Brigitte Voß
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