Jedes Mal, wenn wir in Le Vernet sind, erleben wir Dinge, die im Dorf Aufsehen erregen. Das waren: der Absturz einer Kleinmaschine, das Gießen der Kirchenglocken, ein Triathlon der Feuerwehrmänner sowie im vergangenen September die Suche der Polizeitaucher nach dem verschwundenen Èmile im Dorfteich. Die Ermittlungen wegen des kleinen Jungen bringen heute erneut Unruhe für die Einwohner und Gäste mit sich, doch dienen sie der Wahrheitsfindung. In Haut-Vernet wird eine Rekonstruktion der Ereignisse rund um das Verschwinden des Kindes im Juli 2023 durchgeführt. Die Straße nach Haut-Vernet ist abgeriegelt, damit sie ungestört stattfinden kann. Das ist auch notwendig, denn der Ort ist bevölkert von einem Großaufgebot französischer Journalisten. Die Gendarmerie ist reichlich vertreten. Einwohner oder Feriengäste (Ostern naht) bekommt man kaum vor Gesicht. Sie werden sich wohl zurückgezogen haben. Gestern wurden wir gleich von zwei Reportern angesprochen, die uns interviewen wollten, Ich könnte zwar etwas dazu sagen, doch mögen wir uns nicht einmischen. Das ist eine Sache der Bewohner.
Auf dem Weg zum Friedhof gehen wir am Gemeindehaus vorbei. Es ist geöffnet. Die großen Fenster geben den Blick auf Journalisten frei, die an ihren aufgeklappten Laptops arbeiten. Auf der Straße stehen sie in Grüppchen oder telefonieren. Der Bürgermeister, Monsieur Balique, gibt ein Interview. An der nächsten Ecke steht ein Einwohner, auf den ebenfalls eine Kamera gerichtet ist. Wir laufen mit verschlossenen Gesichtern zügig vorbei. Auf dem Friedhof herrscht alle Ruhe der Welt. Unsere Zeremonien für Jens wiederholen sich. Entweder stellen wir Blumen auf, zünden eine Kerze für ihn an, oder wir sitzen auf der Bank und denken an ihn und die anderen Opfer, deren Namen auf der großen Tafel vor uns verewigt sind. Doch jetzt sind meine Gedanken bei der Mutter des kleinen Jungen. Ich hoffe, dass er lebend irgendwo auftaucht. Seine Leiche hat man bis heute nicht entdeckt. Ich stelle es mir grauenhaft vor, als Eltern nicht zu wissen, ob das eigene Kind noch lebt oder nicht, und was mit ihm geschehen ist. Diese Ungewissheit nagt, während die Hoffnung bleibt, es könnte plötzlich vor der Tür stehen. Wir haben Gewissheit, dass unser Jens durch den Flugzeugabsturz starb. Die DNA-Untersuchungen haben es erwiesen sowie an der Absturzstelle aufgefundene Dinge, die ihm eindeutig zugeordnet werden konnten …
Manche Einwohner behaupten, dass die Familie selbst am Verschwinden des Kindes schuldig ist. Wer aufmerksam Kriminalfälle verfolgt, weiß natürlich, dass die nächsten Angehörigen stets ins Visier der Polizei geraten. So wird es auch hier gewesen sein.
Doch wenn Nutzer öffentlich zugänglicher Netzwerke die Mitglieder der Familie basierend auf offensichtlich unhaltbaren Gründen an den Pranger stellen, zeugt das von wenig Empathie. Sie versetzen sich nicht in die Lage einer Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat.
An der Nachstellung der Ereignisse rund um das Verschwinden von Émile sollen 17 Betroffene teilnehmen, darunter die Familie des Jungen, Nachbarn und Augenzeugen. Hoffentlich gewinnen die Ermittler zusätzliche Erkenntnisse, die den wahren Sachverhalt ans Licht bringen. Die Rekonstruktion wiederholt den Ablauf des Tages aus Sicht der Beteiligten minutiös. Drohnen werden eingesetzt, um das Ganze filmisch festzuhalten.
Das Verschwinden des Kindes ist mysteriös, und das Interesse Frankreichs an dem Fall muss nach wie vor noch groß sein, zumindest wenn man die Vielzahl von Journalisten in dem kleinen Ort in Betracht zieht.
Wir sind auf dem Rückweg zur Gîte, als zwei dunkle Limousinen an uns vorbeifahren. Unwillkürlich denke ich: »Was muss die Mutter heute alles durchgemacht haben? Ein Nervenbad der Gefühle!«
Es ist ein regnerischer Tag.
Émile ist seit acht Monaten verschwunden.
© Brigitte Voß
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