Nach einer unfreiwilligen Pause von zwei Jahren nehmen wir wieder an der jährlichen Gedenkfeier in Le Vernet teil. Wir sind erleichtert, denn es war wie eine weitere Trennung von unserem Sohn.
Bereits gestern haben wir die in Seyne gekauften Blumen auf dem Friedhof und vor der Stele verteilt. Ein Strauß bunter Tulpen steht neben dem Bild von Jens in unserer Gîte.
Seit rund einer Woche verfolgen wir den Aufbau des riesigen Zeltes von unserer Terrasse aus. Wir haben Armbändchen bekommen, damit wir uns als Hinterbliebene identifizieren können.
Die katalanische Familie, der wir in Le Vernet schon öfter begegnet sind, ist auch eingetroffen. Wir verstehen uns gut und reden viel miteinander.
Wir werden zur Zeit des Absturzes nicht in den Bergen sein, sondern an der Gedenkfeier teilnehmen. In der Einsamkeit der Natur haben wir ungestört Jens gedacht. Der Aufstieg bis zum Col de Mariaud und weiter bis zur Aussichtsplattform klappte trotz meines Handicaps recht gut. Die Sonne strahlte, nur der Mistral war bitterkalt.
Die Busse treffen mit den Angehörigen aus Aix en Provence ein. Sie sind aus ihren Heimatländern nach Marseille geflogen und wurden auf die Hotels in Aix verteilt. Heute ist der Gedenktag, und morgen fliegen sie üblicherweise zurück. Einmal haben wir das mitgemacht. Das war uns zu stressig, seitdem kommen wir lieber privat hierher.
Wir mischen uns unter sie und betreten das Veranstaltungszelt. Gilles, ein Freund aus dem Ort, stellt uns einem Regionalpolitiker vor, der uns kondoliert und warme Worte findet. Ich bin völlig überrascht und bleibe sitzen. Ich hoffe, das war nicht zu unhöflich.
10.30 Uhr beginnt die Gedenkfeier. Der Beitrag des deutschen Redners wird von den Dolmetschern ins Katalanische, Spanische und Englische übersetzt. Die untermalende Musik kommt vom Band. Die Absturzzeit naht. Kurz vorher erheben wir uns. Glocken läuten, und auf vier Leinwänden erscheinen in Laufschrift die Namen der Opfer. Auch nach neun Jahren steigt noch ein dicker Kloß den Hals hoch, vor allem, wenn sein Name auftaucht. Eine beklemmende Spannung hängt in der Luft, die durch das Schluchzen von Hinterbliebenen verstärkt wird. Diese Tränen werden nie versiegen. Der Kummer sitzt tief und bleibt für immer, während an der Oberfläche das Leben weitergeht. Es spielt keine Rolle, aus welchem Land wir kommen, welcher Kultur und welcher Religion wir angehören – der Schmerz um die Verstorbenen ist überall gleich.
Der Trauerredner spricht würdige Worte, die viele Wahres enthalten. Er hält bereits seit etlichen Jahren die Gedenkreden zum Jahrestag.
Im Anschluss daran haben wir noch ein aufschlussreiches Gespräch mit ihm. Weil ich ihn danach frage, erzählt er von seinem Werdegang. Er ist von Beruf Pilot und wird nächste Woche wieder fliegen. Bereitwillig fügt er hinzu, dass er Theologie studieren wollte, sich aber gleichzeitig für die Fliegerei interessierte. Er bewarb sich zunächst bei der Lufthansa und wurde dort wider Erwarten genommen. Da er auch eine Ausbildung als Notfallseelsorger besitzt, erklärte er sich auf Anfrage der Fluggesellschaft bereit, als Redner bei den jährlichen Gedenkfeiern einzuspringen. Er versichert, dass keiner der Piloten glauben konnte, dass der Täter aus den eigenen Reihen kam. Sie sind seit jeher darauf trainiert, mit ständig wechselnden Copiloten zusammenzuarbeiten. Es ist ein System, das sich laufend ändert. Trotzdem ist bei ihm seit dem Absturz kein Misstrauen gegenüber dem jeweiligen Kollegen aufgekommen. Das hätte er sich auch gar nicht leisten können.
Es folgt manch aufbauendes Gespräch mit Angehörigen. Es sind auffallend wenig Deutsche anwesend, 200 Hinterbliebene sollen am Jahresgedenken teilgenommen haben.
Nach und nach fahren die Busse mit den Familien zurück, nach Aix in die Hotels. Eine himmlische Ruhe breitet sich aus, obwohl der Abbau des Zeltes mit der Inneneinrichtung begonnen hat.
© Brigitte Voß
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