24.03.2024, Freitag – unvergessliche Momente (zum neunten Jahresgedenken an die Katastrophe)

Seit nunmehr neun Jahren verfasse ich zum Gedenken an diesen Tag einen Beitrag. Oft wende ich mich dabei persönlich an dich, lieber Jens. Während des Schreibens frage ich mich stets, ob du den Text überhaupt registrierst. Immerhin befassen sie sich mit deinem Tod und dem Flugzeugabsturz.
Neun Jahre mögen weit zurückliegen. Es ist kaum zu glauben, denn die Katastrophe ist mir immer noch so nah, als wäre sie erst kürzlich geschehen.
Doch wie weit entfernt diese Zeit in Wirklichkeit ist, habe ich daran bemerkt, dass ich neun Jahre benötigte, um innerlich stark genug zu werden, um die Familienvideos anzuschauen. Sie vermitteln mehr Lebendigkeit, als die Fotos es je könnten.
Du warst 16 Jahre alt, als wir uns den Camcorder zulegten und die ersten Aufnahmen machten. Kleine Telefone, die in der Lage waren, zu fotografieren und zu filmen, befanden sich damals weit außerhalb unserer Vorstellungswelt.
Über neun Jahre hinweg habe ich mich nicht getraut, diese unmittelbar lebendigen Erinnerungen aufzurufen. Ich hatte Angst vor den traurigen Gefühlen und emotionalen Belastungen, die auftreten könnten.
Seit wenigen Monaten jedoch schaue ich mir die nunmehr digitalisierten Videos an. Es kam einfach so über mich.
Ich höre dich sprechen, ich sehe, wie du dich bewegst, und kann dich bei verschiedenen Tätigkeiten beobachten. Die Aufnahmen ziehen lebendiger und dynamischer an mir vorbei, als Fotos dazu in der Lage wären. Deine Persönlichkeitsmerkmale sowie deine Gefühlswelt kommen deutlich zu mir herüber. Ein fröhliches Lachen dringt an mein Ohr. Es ist Weihnachten. Dein Vati spielt aus purer Tradition und zur Freude aller den Weihnachtsmann, obwohl niemand mehr daran glaubt. Geschenke werden überreicht, Papier fällt zu Boden … Diese Weihnachtsrituale waren schön.
Die Filme färben die Erinnerung an dich bunter und machen sie auf spezielle Weise authentischer. Ich kann tiefer in sie eintauchen. Es ist, als wärest du abermals in unserer Welt. Doch diese Welt ist vergangen … Die Großeltern (inzwischen verstorben) kommen zu Besuch. Ich sehe deutlich, wie sie immer wieder das Gespräch mit euch Enkeln suchen. Ich glaube, Jens, jeder mochte deine Fröhlichkeit und den Optimismus, den du stets ausgestrahlt hast, und von dem ich mir eine Scheibe abschneiden sollte.
Durch die Filme bist du mir so nah, was mich tröstet. Das alles liegt weit zurück, die ersten Aufnahmen entstanden 1992. Du durftest noch 23 Jahre leben, bevor du uns für immer verlassen musstest. Ein Glück, dass wir damals nicht wussten, was dir Furchtbares zustoßen würde. Ich bin dankbar, dass wir diese Videos besitzen, und ich in eine längst vergangene Welt eintauchen kann, in der du lebendig vor mir agierst. Die Erinnerung an dich wurde in einer bisher nicht da gewesenen Art und Weise wiedererweckt. Unbewusst habe ich mir zum diesjährigen Jahresgedenken ein Geschenk gemacht.
Obwohl Videos Vorteile bieten können, möchte ich auch die Fotos mit dir nicht missen. Beides fördert das Gedenken. Jeder Trauernde muss bei der Wahl zwischen Video oder Foto selbst wissen, was für ihn am besten geeignet ist; und welche Art von Erinnerung ihn am meisten Trost spendet.
Neun Jahre sind eine lange Zeit, und wir fragen uns immer wieder, welche Entwicklung du wohl genommen hättest, wäre dir nichts zugestoßen.
Leider geraten wir dabei stets ins Reich der Fantasie. Auf jeden Fall hätten wir noch viele bewegte und unbewegte Bilder auf irgendwelche Chips bannen können. Vielleicht von Enkelkindern, einer lieben Frau, neuen Freunden oder Hobbys …
© Brigitte Voß


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