27.09.2023, Mittwoch – ein toter Vogel

Als wir am Morgen den Gedenkraum in Le Vernet betreten wollen, liegt auf dem Abtreter ein toter Vogel vor der Tür. Erschrocken zucke ich zusammen und weiche zurück. Warum ausgerechnet vor diesem Raum, der an die armen Absturzopfer erinnert und dem Gedenken dient? Ein trauriger Anblick, der jedoch zum Nachdenken anregt.
Als Erstes kommt natürlich der Gedanke, dass ihn jemand dort abgelegt hat. Doch wer sollte so etwas machen? Solch eine Handlung wäre bewusst und die Absichten, die dahinter stecken, wären krank, bösartig und gegen unsere Trauer gerichtet. Das Gedenken an die Toten würde verhöhnt werden. Trotzdem es in der Welt viel Böses gibt, traue ich die Tat niemandem zu.
Vermutlich hat ihn ein Tier auf den Abtreter fallen lassen. Von Katzen habe ich dergleichen gehört. Sie legen ihren Fang gern vor die Tür, die zu einer Familie führt, der sie angehören.
Der Vogel zeigt keine äußeren Verletzungen, Blut ist nicht zu entdecken.
Er könnte gegen die Fensterscheibe der Tür geflogen sein, weil er sie im Sonnenlicht nicht gut sehen konnte. Das kommt vor. Aber wieso liegt er gerade vor diesem Raum?

Betrete ich ihn, spüre ich manchmal, dass er eine gewisse Energie ausstrahlt, die in mir eine undefinierbare Spannung erzeugt. Hat der Vogel das beim Sterben gespürt und ist deshalb hierhergekommen?
Wir entfernen ihn behutsam und legen den Körper abseits auf eine Wiese.
Nur, damit ist es für mich nicht getan, denn ich weiß aus der Horrorliteratur und entsprechenden Filmen, dass ein toter Vogel nichts Gutes bedeutet. Er kündigt Tod und Verderben an, symbolisiert psychische Zustände wie Paranoia und Wahnsinn oder warnt vor bevorstehenden Gefahren sowie übernatürlichen Ereignissen. In diesem Genre steht er für Unheil. Meist handelt es sich dabei um schwarze Vögel wie Raben oder Krähen. In unserem Fall jedoch ist es ein kleiner Singvogel. Er erinnert mich unweigerlich an die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Ich recherchiere im Internet, denn die Vogelleiche vor dem Gedenkraum lässt mir keine Ruhe. Sie symbolisiert oft Tod oder Verlust und kann als Bote zwischen der Welt der Lebenden und der Toten dienen. Die Tür zu dem Raum, in dem die Erinnerungsstücke an die Verstorbenen aufbewahrt werden, würde gut dazu passen. Sie weist auf eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten hin, steht also als Bindeglied zu einer spirituellen Welt.
Oder warnt der tote Vogel vor der eigenen Sterblichkeit?
Vielleicht will er mich auch trösten: Er gilt in vielen Kulturen als Symbol für das Ende eines Lebenszyklus, der in einen neuen übergeht – für Abschied und Neubeginn zugleich. Könnte er auf ein Weiterleben nach dem Tod hinweisen? Der Vogel vor jener Tür mag diese Vermutung bekräftigen.
Leben, Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen sowie die Verbindung zwischen den Welten – wie merkwürdig ist es, dass gerade vor dieser Tür solch ein Tierkadaver liegt. Mich hat das ein wenig aus der Fassung gebracht, weshalb ich über eine mögliche Symbolik nachdenke, allerdings zu keinem befriedigenden Ergebnis komme.
Letztlich sind all die genannten Interpretationen Spekulationen. Man kann seine eigenen Schlüsse aus ihnen ziehen, ob sie jedoch dem wahren Sinn entsprechen, ist fraglich.
Der tote Vogel, ausgerechnet vor dem Eingang des Gedenkraumes, gibt Rätsel auf. Vielleicht ist es nur ein Zufall, der eine logische Erklärung hat. Die eine »richtige« Deutung gibt es nicht. Es ist wie mit der Frage, warum Jens mit nur 37 Jahren und auf so grauenvolle Weise, sterben musste. Man erhält eben nicht immer eine Antwort.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar