Ich kann es kaum glauben, aber wir sind endlich wieder in Le Vernet. Zwei lange Jahre ließen es gesundheitliche Gründe nicht zu.
Wir laufen von unserer Unterkunft zur Stele, zum Gedenkraum und durch den Ort zum Friedhof. Jetzt können wir uns selbst um die Erinnerungsstücke für Jens kümmern. Sie liegen noch an ihrem angestammten Platz. Wir zünden für ihn Kerzen an und dekorieren die entsprechenden Orte mit Blumen. Das tut uns gut und stellt eine intensive Verbindung her. Er ist bei uns.
Ich bin dankbar, dass zwischenzeitlich Freunde ausgeholfen haben, die elektrische Kerze und das Foto von Jens mit Batterien zu versorgen. Das hat uns in der Ferne getröstet. Jetzt können wir uns revanchieren.
Auf dem Rückweg vom Friedhof entdecken wir am Dorfteich ein Fahrzeug der Gendarmerie. Zwei Taucher sind im Wasser und suchen, wie sich später bewahrheiten soll, nach dem verschwundenen kleinen Émile aus Haut-Vernet. Einige Einwohner stehen am Zaun und diskutieren. Wir unterdrücken den Impuls, uns zu nähern, um die Vorgänge genauer zu beobachten.
Am Nachmittag sitze ich unter dem Sonnenschirm vor der Gîte. Obwohl die Luft eiskalt ist, bombardiert mich die Sonne mit unglaublicher Hitze.
Die Terrasse ist leicht erhöht, sodass man einen guten Überblick auf die Dorfstraße mit dem Schwimmbad, den Gebäudekomplex des Hotelrestaurants sowie auf die Stele hat, die vor dem imposanten Bergmassiv La Blanche steht.
Vor mir breitet sich der Ubac aus, hinter dem die todbringende Maschine flog.
Die Gendarmerie hat ihre Suchaktion beendet, ihr Fahrzeug entfernt sich. Der Gedanke an den kleinen Emile lässt mich nicht los. Ob er noch am Leben ist? Wahrscheinlich nicht.
Plötzlich taucht ein auffälliger Pkw auf. Er heischt mit seiner auffallenden metallic-roten Farbe unverhohlen nach Aufmerksamkeit. Ein Einheimischer wird wohl nicht darin sitzen. Die Bewohner von Le Vernet sind bodenständig. Sie bevorzugen robuste Fahrzeuge, die der bergigen Umgebung und der Landwirtschaft angepasst sind, d.h. mit hohen Rädern, Vierradantrieb, gern mit geräumigen Ladeflächen, am besten ein Jeep. Und in solch schreiendem Rot schon gar nicht.
Das Auto fährt vorbei, wendet und ich erkenne an der Fahrertür in großen Lettern die Abkürzung RTL. Journalisten, denke ich sofort. Das Fahrzeug stoppt vor dem Schwimmbad, eine zierliche Frau steigt aus und läuft Richtung Teich, den ich von hier aus nicht sehen kann. Es vergeht einige Zeit, bis sie zurückkehrt. Sie bleibt vor ihrem Pkw stehen und schaut zu mir hinauf. Reflexartig trete ich die Flucht ins Innere unserer Unterkunft an. Ich mag keine neugierigen Journalistenfragen befriedigen.
Nur wenige Minuten später ruft ein freundliches »Hallo« durch die Tür, die ich vergessen habe zu schließen. Ich beiße in den sauren Apfel und stelle mich der Situation. Sie stellt sich als Reporterin von Radio RTL vor. Sie fragt, ob wir hier den Urlaub verbringen, was ich dummerweise mit einem »Oui« beantworte. Ob ich die Gendarmerie am Teich gesehen hätte, und wie lange sie dort gesucht hätten. Ich erkläre, dass ich Ausländerin bin. Aber sie ignoriert das. Sie zückt wie selbstverständlich ein großes Mikrofon aus ihrer Umhängetasche und hält es mir vor die Nase. Sofort lehne ich ein Interview ab und frage im gleichen Atemzug, ob die Gendarmerie im Weiher nach dem kleinen Emile getaucht habe, denn wir seien uns nicht sicher gewesen. Sie bejaht bereitwillig. Die Suche sei erfolglos geblieben. Sie verabschiedet sich freundlich und läuft zum benachbarten Hotel, um dort Interview- willigere Opfer zu finden,
Natürlich hätte ich mich unwissend stellen und nur Deutsch reden können. Doch das war mir zu blöd.
Immerhin werden die Ermittlungen nach dem vermissten Kind durch die Gendarmerie fortgesetzt. Auch die französischen Medien sind voll bei der Sache. Es werden Talkshows abgehalten, wo mehr oder weniger kompetente Personen ihre Meinung zum besten geben. Parallelen zum Germanwings-Absturz tun sich auf.
Sogar in Deutschland berichtet die Presse über die Suche nach dem Jungen im Teich. Einige beschreiben das Gewässer als einen idyllischen Alpensee, an dem sich üblicherweise Familien erholen würden! In Wirklichkeit ist der Weiher eingezäunt und dient im Falle eines Brandes der Löschwasserentnahme sowie als Angelteich – keine Spur von Idylle. Da ist wohl einem Journalisten die Fantasie durchgegangen und andere haben abgeschrieben.
© Brigitte Voß
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