Lieber Jens,
wir senden dir herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, den wir zum neunten Mal ohne dich verbringen.
Anstatt heute ausgelassen zu feiern, stehen wir an deinem Grab.

Mich überkommt eine Mischung aus Trauer und Nostalgie. Ich frage mich, wie es wäre, wenn du uns heute zu einer Party eingeladen hättest. Da ist dieses Wörtchen »hätte«. »Wäre«, »hätte«, »würde« – es wird wohl ein Brief, in dem jede Menge Konjunktive mit der Nummer 2 vorkommen werden. Sie verwendet man, wenn man sich etwas vorstellt oder erträumt, was in der Wirklichkeit nicht existiert. Mein Kopf ist derzeit voll davon.
Wie würdest du jetzt aussehen? Hättest du graue Strähnen im Haar? Als ich die Ziffer vor mir sah, die deinem Alter entspricht, durchfuhr mich wahrhaftig ein Schrecken. So einen »alten« Sohn zu haben, ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ich würde dich zu gern mit der neuen Altersstufe ärgern, um mich in eine unendliche Diskussion mit dir verwickeln zu lassen. Ach, wie lustig das doch wäre!
Wie hätte sich dein Leben entwickelt? Lebenserfahrungen hättest du in den vergangenen neun Jahren genug sammeln können. Vielleicht hättest du den Status eines gereiften Mannes erreicht. (Ich stelle mir dein schelmisches Gesicht vor; du selbst würdest nicht daran glauben. Dessen bin ich mir sicher.) Vielleicht hättest du eigene Kinder, die um uns herum lachen und spielen würden? Du wärst mit Sicherheit ein guter Vater geworden … Mit zunehmender Traurigkeit erfüllt mich dieser Gedanke, aber es tut mir gut, solchen Fantasien nachzugehen.
Ich frage mich, welche Träume du verwirklicht hättest. Hättest du mit deinem Bruder am Radmarathon rund um den Vättern-See in Schweden teilgenommen? Ich fände das zwar ziemlich verrückt, wäre jedoch stolz auf euch beide gewesen, wenn ihr die 300 km gemeistert hättet. Es ist eine faszinierende Vorstellung. Die Platzierung wäre nicht so wichtig.
Übrigens meinte dein Bruder, dass du einen großen Anteil daran tragen würdest, dass er mit der Familie nach Schweden ausgewandert ist. Vor seiner Hochzeit wollte er wohl noch einmal alleine mit dir zusammensein, sodass du ihn inspiriert hättest, mit ihm und den Rädern durch Südschweden zu touren. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ihr nach dem Sundschwimmen von Stralsund zur Insel Rügen eure Räder für die Reise vorbereitet hattet. Ihr ward voller Freude und Energie. Schade, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann.
Als Folge dieser Fahrt haben sie mehrere Male den Urlaub in Schweden verbracht, und nun sind sie samt den Enkeln fort und werden vermutlich für immer dort bleiben. Glücklicherweise sind sie nicht aus der Welt, sodass wir sie bald besuchen werden.
Wärest du ebenfalls dorthin ausgewandert?
Solche Fragen und Fantasien beschäftigen mich heute, an deinem Ehrentag, besonders intensiv. Sie schenken mir den Raum, in dem du weiterleben kannst. Das empfinde ich als positiv.
In meinen Betrachtungen überwiegen nicht nur die verpassten Möglichkeiten, sondern ebenso die wundervollen Erinnerungen. Sie sind wie Geschenke, die wir tief in den Herzen tragen und uns Kraft geben. Die Zeit mit dir war schön.
Wir senden dir viele Umarmungen, wo auch immer du sein magst.
Du bist und wirst stets in unseren Gedanken sein.
Allerbeste Grüße
Deine Ellis
© Brigitte Voß
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Happy Birthday in heaven, Jens!
Und eine Umarmung für euch!
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