Émile, ein 2½-jähriger Junge, verschwand am Nachmittag des 8.Juli spurlos aus dem Garten seiner Großeltern im oberen Teil von Le Vernet. Haut-Vernet ist die ruhigere Gegend des Ortes, in der jeder jeden kennt.
Weder die Suchmannschaften der Gendarmen/Soldaten noch die vielen Freiwilligen der Umgebung können das Kind finden. Bislang bleibt es wie vom Erdboden verschluckt..
Der Junge spielte im Garten der Großeltern, bis ihn die Familie plötzlich vermisste. Suchhunde nahmen seine Spur auf, die auf der Dorfstraße allerdings abrupt abbrach. Zwei Zeugen wollen ihn dort gesehen haben. Könnte er in ein Fahrzeug gestiegen sein? Niemand weiß es. Die Straße endet in einer Sackgasse, sodass kein Durchgangsverkehr möglich ist. Wir kennen den Ortsteil, von dem einige Wanderwege abgehen. Émile soll für sein Alter sehr gut laufen können. Er könnte sich verlaufen haben. Wärmebilddrohnen und Hubschrauber durchkämmen vergebens die Gegend.
Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Es wird in alle Richtungen gesucht, jegliche Hinweise werden geprüft. Leider ist die Möglichkeit eines Verbrechens gegeben. Ob er noch am Leben ist? Er muss trinken.
Hohe Berge umgeben Le Vernet. Die Gefahr ist hoch, dass der Junge abgestürzt ist. Vielleicht klemmt er in einer Felsspalte und kann sich nicht befreien. Es gibt Wölfe. Auch vermutet man, dass ihn ein großer Raubvogel erbeutet haben könnte. Einen Tierangriff kann ich mir nicht vorstellen. Oder ein Unfall? Er könnte mit einer Erntemaschine geschehen sein. Es ist die Zeit der Heuernte, und es soll vorgekommen sein, dass im Herbst beim Verfüttern von Heu an Nutztiere, ein zerstückeltes Reh im zusammengepressten Heu entdeckt wurde.
Ein weiteres düsteres Szenario wäre ein möglicher Zusammenstoß zwischen einem Fahrzeug und dem kleinen Jungen auf der Straße, wobei der Verursacher panisch das Kind verschwinden ließ, um seine Schuld zu vertuschen.
Sogar die Familie geriet unter Verdacht. Ihr Haus wurde untersucht. Wie muss es sich anfühlen, in so einem Moment direkt betroffen zu sein?
Der Bürgermeister sagt, sie sei im Ort bekannt, sie würde seit Jahrzehnten ihre Ferien bei den Großeltern verbringen. Ich denke oft an sie. Die Ungewissheit, nicht zu wissen, ob ihr kleiner Sohn überhaupt noch am Leben ist, muss unerträglich sein. Die Angst um ihr Kind überträgt sich auf mich.
Tage sind seit dem rätselhaften Verschwinden von Émile vergangen. Die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, dass ihm etwas Böses zugestoßen ist.
Die kleine Landstraße nach Haut-Vernet wurde gesperrt, damit die Ermittlungen nicht gestört werden. Außerdem sollen die Bewohner vor Ort vor Schaulustigen geschützt werden.
Die Suche erfüllt mich mit Anspannung und Sorge. Besonders, weil es um ein Kind geht, bin ich seit dem Flugzeugabsturz noch besorgter als zuvor. Schließlich haben wir damals unseren Jens verloren.
Jedes der 149 Opfer der Germanwings-Katastrophe war einmal jemandes Kind, jemandes Tochter oder Sohn. Hinzu kommt, dass sich eine ganze Schulklasse an Bord befand. Für mich sind Kinder das Kostbarste im Leben.
Regelmäßig zieht es uns nach Le Vernet. In dem kleinen Bergdorf, das durch die Germanwings-Katastrope unfreiwillig Bekanntheit erlangte, fühlen wir uns mittlerweile heimisch. Einwohner kennen uns und begegnen uns mit Verständnis und Mitgefühl.
Hier, wo die Erinnerung an den schmerzlichen Verlust unseres Jens allgegenwärtig ist, sind wir gut aufgehoben. Wir finden Trost und inneren Frieden.
Nachdem das Flugzeug gegen den Berg gesteuert wurde, herrschte große Unruhe in dem Bergdorf. Die ganze Welt schaute auf Le Vernet. Es wurde von Journalisten regelrecht überflutet und belagert. Sie waren gierig nach Informationen und sensationslüsternen Interviews und Bildern. Genauso stelle ich es mir jetzt in der sonst so beschaulichen Gegend vor. Wie damals werden Pressekonferenzen abgehalten. Der Ort, der eigentlich nur seine Ruhe haben möchte, steht wieder im Rampenlicht. Das Verschwinden des Kindes bleibt ein Rätsel, das die ganze Region in Atem hält. Sogar in Deutschland wird darüber berichtet.
In den letzten fünfzehn Jahren wurde Le Vernet mit seinen gerade einmal 125 Einwohnern (Stand: 1. Januar 2021) drei Mal in einen schrecklichen Albtraum gestürzt: Sieben Jahre vor dem Flugzeugabsturz wurde die Geschäftsführerin des »Café du Moulin« in ihrem Restaurant von einem Gast erschlagen. Der Mörder war bekannt, er arbeitete im Schwimmbad von Le Vernet. Es folgte die Germanwings-Katastrophe mit dem Mord an 149 Menschen und jetzt Émile, von dem ich hoffe, dass er noch lebt. Diese drei Ereignisse in aufeinanderfolgend kurzen Zeitabständen müssen traumatisch auf die Bewohner der 120-Seelengemeinde wirken.
Die Gewalttaten rund um Le Vernet reichen weit in die Vergangenheit zurück. Es wurde sogar ein Film gedreht, der die grausamen Morde in der Region genauer unter die Lupe nimmt. Wer sich dafür interessiert: siehe Link.
Ich weiß nicht, was man von all dem denken soll. Lebt das Böse, das die Menschen im Laufe der Zeit begangen haben, in einer gewissen Art weiter? Man könnte es fast glauben. Jedoch sträube ich mich dagegen und hoffe, dass die Bewohner von Le Vernet eines Tages wieder in Ruhe und Frieden leben können.
Ich wünsche von Herzen, dass der kleine Émile wohlbehalten nach Hause kommt.
© Brigitte Voß
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