05.03.2023, Sonntag – Spuren im Sand

Der Tod eines geliebten Menschen hinterlässt eine Lücke, die sich beim besten Willen durch nichts ersetzen lässt. Man kann viel reisen, sich in Hobbys stürzen, nicht daran denken, usw., aber der leere Raum dringt immer wieder ins Bewusstsein, weil er unersetzlich bleibt. Das kann offensichtlich zu merkwürdigen Erlebnissen führen. Ich habe lange überlegt, ob ich die folgende Begebenheit in den Seelenrissen erwähnen soll. Weder mein Mann noch ich können sie erklären. Ich kann nur schwören, dass sie wahr ist.
Wir sind für einige Tage an der Ostsee. Das Meer übt eine wohltuende Wirkung auf uns aus, egal zu welcher Jahreszeit. Die Unendlichkeit der Ferne, das beruhigende Plätschern und das gleichmäßige Auf- und ab der Wellen geben viel Raum, die Gedanken spielen zu lassen. Harmonie breitet sich aus. Und wenn sich das Wasser aufbäumt, brüllend tost und die Gischtfetzen an die Uferkante spritzt, ist es wie das Aufbäumen der Seelen der Menschheit.
Die Weite des Meeres bringt mich immer dazu, an Jens zu denken. Damals, im Dezember, im Todesjahr von Jens, war ich manchmal ganz allein am Strand. Ein Schrei steckte mir in der Kehle, den ich nicht herauslassen konnte. Das Bedürfnis zu schreien war überwältigend, doch es gelang mir nicht. Jetzt blicke ich hoffnungsvoll in die Ferne. Die Wellen raunen mir zu, dass Jens hin und wieder unter uns ist, und dass wir es in besonderen Momenten wahrnehmen können.
Stundenlang könnte ich die Wasservögel beobachten. Ich wünschte, ich könnte wie sie fliegen, um die wahre Leichtigkeit der Freiheit zu erleben.
Die See drängt in unaufhörlichen Wellenbewegungen nach vorn. Die Buhnen versuchen, sie vom Land fernzuhalten, doch die Wellen setzen sich widerspenstig zur Wehr. Anstatt abzubremsen, prallen sie mit voller Gewalt gegen die Holzpfähle und schäumen auf ihrem Weg zur Küste von Buhne zu Buhne in die Höhe. Sie verlieren zunehmend an Kraft, während die letzten Spritzer das Ufer erreichen.
Es ist noch früh am Morgen. Kaum ein Mensch ist zu sehen, nur ein paar Frühaufsteher, die wie wir den trüben Meeresmorgen freudestrahlend genießen.
Für unserem heutigen Morgenspaziergang hatte ich mir vorgenommen, eine Acht beziehungsweise eine Unendlichkeitsschleife mit einem Stock in den Sand zu zeichnen und zu fotografieren. Erst kürzlich hatte ich meinen Blogbeitrag zum achten Jahrestag verfasst, und ein solches Foto würde den Inhalt perfekt ergänzen.
Mein Mann, der ein Talent für Symmetrie hat, hilft mir dabei, und beginnt, mehrere Achten in den feuchten Sand zu skizzieren. Aufmerksam verfolge ich die Entstehung des Fotomotivs.
Als ich den Blick hebe, entdecke ich benachbart ein metergroßes Zeichen einer liegenden Acht. Ich stoße ihn an und weise ihn darauf hin. Wir starren das riesige Unendlichkeitszeichen an. Es dauert eine Weile, bis die ersten Worte fallen: »Das kann doch nicht wahr sein!« oder »Wie kommt das denn da hin!?« oder »Ist das Zufall?«
Es wird von einer Spur gebildet. Fußspuren?
Wir nähern uns und vermuten, dass es sich um Tierspuren handeln könnten. Einem Hund? Die Abdrücke weisen in der Mitte drei Linien auf und müssten von einem größeren Tier erzeugt worden sein. Wir wissen es nicht. Erstaunlich ist weiterhin, dass es weder Eintritts- noch Abgangsspuren aus den Schleifen gibt, und die Pfoten, akkurat hintereinander in den Sand eingedrückt sind. Die mysteriöse Unendlichkeitsschleife ist dort gerade, wo sie gerade sein soll, und wohlgerundet an den Stellen, die die Kurven des Symbols formen. Es ist ein Rätsel, so sauber läuft kein Tier.
Aufgrund der Größe hätte man es vermutlich nicht vollständig auf ein Foto bekommen. Leider haben wir keinen Beweis, denn die Fotos, die wir gemacht haben, sind nichts geworden. Nur die Erinnerung bleibt.
Der wohlwollendste Leser wird hier sicherlich die Stirn runzeln. Ich kann es ihm nicht verübeln, mir würde es ähnlich ergehen.
Wir selbst stehen fassungslos vor diesem Erlebnis.
Und warum ausgerechnet das Symbol, dass ich erst gestern in meinem Blogbeitrag zum achten Jahrestag an die Flugzeugkatastrophe so detailliert beschrieben habe? Es wusste niemand davon, außer meinem Mann und mir. Und doch war es da.
Die Wellen und der Sturm werden es bald wieder auslöschen. Das Meer hütet seine Geheimnisse.
© Brigitte Voß


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