01.02.2023, Mittwoch – gestörte Trauer

Unsere befreundeten Angehörigen freuen sich, mit uns zum Jahresgedenken nach Le Vernet zu fahren, wo wir gemeinsam unserer Kinder gedenken wollen. So ist es zumindest abgemacht. Sie haben mir Mut zugesprochen, dass ich trotz gesundheitlicher Probleme die lange Strecke mit Auto gut überstehen würde. Ich habe alles offengelassen, obwohl ich im tiefsten Inneren weiß, dass ich das nicht schaffen werde. Doch langsam sollte ich eine endgültige Entscheidung treffen.
Die Gesundheit lässt mich oft frustriert und ratlos zurück.
Es ist eine bittere Erkenntnis, die eigenen Grenzen akzeptieren zu müssen, gerade wenn sie so eng sind wie die derzeitigen. Die Schmerzen und die notwendige Rücksicht auf meine körperliche Verfassung zwingen dazu, mich zurückzunehmen. Die Einladung der Lufthansa, zum achten Jahresgedenken in Le Vernet teilzunehmen, liegt seit geraumer Zeit vor. Sie endet mit den Worten: »Wir hoffen, dass Ihnen das gemeinsame Gedenken an diesem Tag Kraft und Zuversicht spendet.« Ich hatte mir das gewünscht. Es ist sehr traurig, aber es geht nicht.
Schon letztes Jahr konnte ich zum Gedenktag nicht nach Le Vernet. Ich lag im Krankenhaus, und das unter Corona-Bedingungen. Es war ätzend und ist mir in äußerst negativer Erinnerung.
Ich bin deprimiert, enttäuscht und sehr, sehr traurig, aber es würde beim besten Willen nicht funktionieren. Es bleibt die Hoffnung, im kommenden Jahr wieder gemeinsam dorthin zu fahren. Die Sehnsucht nach Le Vernet ist groß. Es bedeutet mir viel, was ich in den Seelenrissen schon mehrfach begründet habe.
Aber … , alles ist relativ.
Meine persönlichen Probleme erscheinen gering, angesichts dessen, was im derzeit Iran passiert. Seit Monaten gibt es Proteste gegen die islamische Regierung. Ausgelöst wurden sie durch den Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini. Sie musste sterben, weil sie gegen die strenge islamische Kleiderordnung verstieß. Die Sittenpolizei hatte sie inhaftiert. Offensichtlich wurde sie von der Polizei zu Tode gequält. Ihr Schicksal wurde zum Symbol für die Unterdrückung im Iran und entfachte einen landesweiten Aufstand gegen die herrschende Mullah-Clique. Er richtet sich gegen die gezielte Diskriminierung von Frauen und Minderheiten sowie weitere drakonische Repressionen des Regimes.
Die iranische Führung geht mit Härte dagegen vor. Hunderte von Demonstranten wurden getötet und Tausende festgenommen. Die Hinrichtungen nehmen kein Ende.
Das Land ist mir nicht gleichgültig. Meine Freundin und ich weilten dort bei Freunden sowie ihrer Familie und bereisten es. Ich besuchte eine der beiden Angehörigenfamilien in Teheran. (Wer sich dafür interessiert: siehe Reise in den Iran.) Wir hatten uns bei vorangegangenen Veranstaltungen in Düsseldorf und in Le Vernet kennengelernt und stehen nach wie vor in Verbindung. Allerdings verunsichert mich, was ich unter den vorherrschenden politischen Verhältnissen in den entsprechenden Netzwerken schreiben kann und was nicht. Ich möchte die iranische Familie nicht kompromittieren, habe ich doch oft gehört, dass Vertreter des Mullah-Regimes mitlesen, was negative Folgen für die Betreffenden haben könnte.
Was mich ebenfalls entsetzt ist, wie mit den Verwandten der Hingerichteten umgegangen wird. Häufig werden sie nicht einmal informiert, wann die Hinrichtung stattfinden wird, sodass sie den zum Tode verurteilten Angehörigen kein letztes Mal sehen und sprechen dürfen. Zumindest soll das im Iran so üblich gewesen sein.
Es existieren Berichte, dass die Familien die Leichname ihrer Lieben nicht zurückbekommen haben. Diese wurden ohne ihre Zustimmung an unbekannten Orten schnell begraben. Für die Hinterbliebenen gibt es weder eine Trauerfeier noch die Möglichkeit, ein letztes Mal Abschied zu nehmen oder an einem Grab zu trauern. Das getötete Familienmitglied ist für immer verschwunden, wodurch der Trauerprozess stark beeinträchtigt wird. Es liegt nahe, dass diese Maßnahme der Behörden ein Versuch ist, die Zahl der Opfer zu verschleiern oder die Familien zu bestrafen.
Wenn die Leichname übergeben werden, sind oft Bedingungen daran geknüpft, wie etwa, dass die Beerdigungen nur unter strenger Überwachung und mit begrenzter Teilnehmerzahl stattfinden dürfen. Den Familien bleibt keine Möglichkeit, ein würdevolles und selbstbestimmtes Begräbnis durchzuführen. Die Bevölkerung soll dadurch eingeschüchtert werden.
Die Angst der Mullahs, dass sich aus der Trauerfeier, eine weiterere Demonstration entwickeln könnte, ist groß.
Das Leid der betroffenen Familien muss unermesslich sein. Angesichts solcher Grausamkeiten werden meine eigenen Probleme zwar nicht kleiner, aber sie treten in ein anderes Licht. Manchmal hilft es, sich die Relationen vor Augen zu führen – auch wenn es den Schmerz und die Sehnsucht nach Le Vernet nicht mindert.
© Brigitte Voß


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