Heute vor 50 Jahren weilte ich unfreiwillig in Eisenach, da ich als Studentin an einer vormilitärischen Ausbildung teilnehmen musste. Ich fühlte mich vollkommen deplatziert, aber auch erpresst, weil eine Absage Folgen für mein weiteres Studium gehabt hätte. Ich lebte in der DDR, die übrigens ein enges Verhältnis zur PLO hatte. Der einzige Trost waren die Kommilitonen sowie der Fernseher, der im Aufenthaltsraum stand. Doch was an diesem Tag über den Bildschirm flimmerte, war haarsträubend. Die Olympischen Spiele in München sollten Deutschland als ein friedliebendes, weltoffenes und freundliches Land zeigen. Es war das zweite Mal, dass es sie austrug. Vorher fand die Olympiade 1936 unter Hitler in Berlin statt.
1972 geschah ein furchtbares Massaker. Palästinensische Terroristen der Organisation Schwarzer September überfielen das Team aus Israel in ihrem olympischen Quartier in München, wobei zwei Olympiateilnehmer getötet wurden. Neun nahmen sie als Geiseln. Während der stundenlangen Verhandlungen mit dem Krisenstab konnten die Gewalttäter den Aufmarsch der Polizei live im Fernsehen und Radio verfolgen. Die Presse war überall und berichtete eifrig in die Welt hinein. Wir saßen mit aufgerissenen Augen vor dem Bildschirm, hatten wir doch so etwas vorher niemals gesehen. Wir waren geschockt. Die Medienvertreter wurden weder aus dem olympischen Dorf noch Stunden später vom Flugplatz Fürstenfeldbruck verbannt, wo ein Flugzeug bereitstand, das die Terroristen mit den Geiseln nach Kairo bringen sollte. Die Mörder hatten sich freies Geleit sowie einen Rückzug der Scharfschützen erpresst. Es kam zu einem Befreiungsversuch, der gründlich missglückte. Die Gekidnappten, ein Polizist und fünf Geiselnehmer kamen dabei ums Leben.
Näheres siehe Wikipedia.
Die Olympischen Spiele wurden daraufhin nicht abgebrochen. Eine umstrittene Entscheidung. Wie mag es den Hinterbliebenen damit ergangen sein?
Niemand wollte in der Folge die Verantwortung übernehmen, obwohl mehrer fatale, schwere Fehler (siehe Link) offen zutage traten.
Am heutigen Tag wird der 50 zigste Jahrestag des Terroranschlags begangen.
Im Vorfeld gab es erhebliche Turbulenzen, die konsequenterweise von den Angehörigen der Todesopfer ausgingen. Sie drohten, zum Jahresgedenken nicht an der Trauerfeier in Deutschland teilzunehmen. Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war auch sein israelischer Amtskollege Isaac Herzog eingeladen. Letzterer hätte nicht anreisen dürfen, wenn die Hinterbliebenen, wie sie vor vier Wochen angekündigt hatten, dem Gedenken fern geblieben wären.
Unmittelbar nach dem Attentat erhielten die Angehörigen eine Zahlung von insgesamt 2 Millionen Euro aus Deutschland. 2002 folgten weitere 3 Millionen Euro.
Anlässlich ihrer Teilnahme am 50-jährigen Jahresgedenken forderten die betroffenen Familien, wie bereits seit Jahrzehnten, eine angemessene Entschädigung, eine Entschuldigung und eine historische Aufarbeitung der Geschehnisse von 1972.
Zunächst bot die Bundesregierung 5,4 Millionen Euro, was die Angehörigen als »Trinkgeld« und »beleidigend« ablehnten. Sie orientierten sich in ihren Forderungen nach dem internationalen Standard. Letztendlich sollen sich beide Parteien auf 27 Millionen Euro geeinigt haben. Den betroffenen Familien wurden eine gründliche Analyse der Ereignisse unter Offenlegung aller Akten zugesichert. Für das deutsche Versagen versprach Frank-Walter Steinmeier eine Entschuldigung zur geplanten Gedenkfeier. Damit ist er der erste deutsche Repräsentant der Bundesregierung überhaupt.
50 lange Jahre hatte es bis zu all diesen Zusagen gedauert – für die Hinterbliebenen eine Qual. Jetzt nehmen sie am feierlichen Gedenken in Deutschland teil, so auch Isaac Herzog. Ein Eklat wurde in letzter Sekunde abgewendet.
Die israelitischen Familien ließen sich durch das Düsseldorfer Anwaltsbüro Baum Reiter & Collegen vertreten, die, wie bereits im Blog erwähnt, sich seit Kurzem für die deutschen Angehörigen von Flug 4U9525 einsetzen.
Hinterbliebene von Katastrophen haben es meist sehr schwer, sobald sie Forderungen nach Aufklärung, Übernahme von Verantwortung und angemessener finanzieller Entschädigung stellen. Die Israelis haben es letztendlich mit einer Erpressung geschafft, was ihnen nicht zu verdenken ist, und ich absolut befürworte.
Ähnlichkeiten zu anderen Katastrophen sind rein zufällig, aber gesetzmäßig.
© Brigitte Voß
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