°DREIHUNDERTUNDSECHSUNDACHTZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°

Lieber Jens,
wir senden dir von Herzen kommende Geburtstagswünsche zu deinem 45. Geburtstag, aus einem Leben, dem du leider nicht mehr angehörst. Wir vermissen dich so sehr, dass es für immer in der Seele schmerzt. Das wird so bleiben. Das Dasein nach dem verhängnisvollen Flugzeugabsturz beweist es.
Wir kennen deine Adresse nicht. Ist es der Himmel? Niemand kann es wissen. Allerdings sind wir sicher, dass du das Geschriebene aufspüren und sogar im Jenseits verstehen wirst.
Als du gestorben bist, warst du 37 Jahre alt. Die Zeit rast unerbittlich. Wärest du noch am Leben, würden wir dir zurufen:
«Du bist ein alter Mann!«
Vielleicht erscheinst du uns in einem Traum, um dich zu verteidigen. Es wäre wunderbar, wenn wir uns wenigstens traumhaft lustig darüber unterhalten könnten. Warum nicht? Arbeite bitte daran.
Leider träume ich viel zu wenig von dir, und wenn, sind es meist Albträume. Vor einigen Tagen, allerdings, hatte ich einen faszinierenden Traum. Du und ich sind geflogen, aber nicht im Flugzeug. Wir breiteten die Arme aus und schwebten nebeneinander dahin. Unter uns zogen Landschaften und Städte vorbei. Häuser, Bäume sowie Berge ragten uns entgegen. Meere glitzerten wie Sterne. Eine Kathedrale konnte ich bis ins kleinste Detail erkennen. Wir flogen tief über fremde Gefilde hinweg. Mich befiel ein Gefühl von Leichtigkeit, von dem ich nichts mehr wusste. Mit deinem Tod verschwand es schlagartig.
Die Sonne ließ den Himmel in einem Blau erstrahlen, das mich faszinierte. Gebäude und Landschaften strahlten bunt und plastisch. Aber das Wichtigste, du schwebtest neben mir dahin und hattest dich nicht verändert. Du hast mich sogar angefeuert, ich solle schneller sein, denn wir befanden uns in einem Wettkampf (typisch du!) mit anderen »Fliegern«, die wir überholen mussten oder die uns nicht einholen durften. Du hattest natürlich Spaß daran. Ich lachte viel.
Als der Tag mich weckte, freute ich mich. Du warst mir nah.
Bisher endeten die wenigen guten Träume, in denen du vorkamst, mit einer harten Realität. Das Bewusstsein, dass du tot bist, bedrängte mich wie eine eiskalte Morgendusche.
Jedoch dieses Mal war ich glücklich über die nächtliche Fantasie. Ich möchte daran glauben, dass du sie mir geschickt hast …
Leider sind wir zu deinem Geburtstag nicht in Le Vernet, um dir nah zu sein. Wir waren schon viel zu lange nicht mehr dort. Das ist bitter. Sogar zum Jahresgedenken zwangen uns gesundheitlichen Umstände meinerseits, zu Hause zu bleiben.
Somit werden wir traurig an deinem heimatlichen Grab stehen und ganz fest an dich denken.
Du fehlst überall , egal, ob wir harmonisch miteinander verkehren oder uns streiten würden. Hauptsache, du würdest am Leben sein.
Wir vermissen dich
deine Ellis
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