Ich möchte über eine Begebenheit in Le Vernet schreiben, die mich zum Nachdenken gebracht hat.
Der Weg zum dortigen Friedhof mit dem Grab der nicht identifizierbaren menschlichen Überreste führt an einem Bistro vorbei. Sehen wir den Betreiber oder seine Frau, begrüßen wir uns. Wenn es ihre Zeit zulässt, führen wir ein kurzes Schwätzchen, so wie an jenem Tag. Er berichtete, dass es ihrem Geschäft schlecht ergehen würde wegen des Virus. Damals galt in Frankreich die 3-G-Regel (zur Erinnerung: geimpft, genesen, getestet). Der Gesundheitspass war unter den Franzosen sehr unpopulär. Zumindest haben wir das öfters zu hören bekommen.
Weiterhin meinte er, wir sollten nicht so oft zum Friedhof gehen. Er zeigte auf sein Herz und betonte, dort seien die Verstorbenen. Das sei wichtiger als das traurige Grab. Unser Sohn würde wollen, dass wir leben.
So weit seine Ansicht. Abgesehen, dass keiner weiß, was Jens über solch eine Situation denken würde, wer hat schon mit seinem Tod gerechnet, antwortete ich spontan, dass er zwar recht habe, doch wir bräuchten offensichtlich Zeremonien wie Kerzenanzünden, Blumen oder sonstige Dekorationen. Daher sei uns der Friedhof wichtig.
Im Nachhinein erinnere ich mich, dass ich früher wie der Bistro-Betreiber gedacht hatte. Das änderte sich nicht nach dem Ableben geliebter Menschen. Ich sagte oft: »Ich brauche kein Grab. Ich nehme die Toten in meinem Inneren mit, in der Erinnerung und im Herzen … als Angehöriger ist man natürlich verpflichtet, es zu pflegen … Gräber machen depressiv …« Und so war es auch. Da meine Mutter eigenmächtig ein Urnengrab für mehrere Familienmitglieder gekauft hatte, war bereits ein Grab vorhanden, das in Ordnung gehalten werden musste. Andere Empfindungen hatte ich auf dem Friedhof kaum, obwohl ich mit Wehmut an die Toten dachte.
Jens wurde ermordet. Auf einmal war es mir wichtig, dass er eine ordentliche Ruhestätte hat. Ich war froh, dass sie längst existierte. Stehe ich jetzt an seinem Grab, spüre ich eine unbestimmte Verbindung zu ihm. Er soll es schön haben, für ihn wird es gepflegt und geschmückt, und zwar in einer Art und Weise, die meiner Mutter nicht gefallen würde. Den anderen lieben Verstorbenen wäre es egal, da bin ich mir sicher.
Mit dem Grab haben wir einen Naturort, der uns Trost spendet und bei der Trauerbewältigung dient. Jens liebte die Natur. Große, alte Bäume zieren ihn. Der Südfriedhof ist dafür bekannt. Beispielsweise stehen nur wenige Meter vom Familiengrab uralte Eichen und Kastanien. Ich hoffe nur, dass die Klimaveränderung ihnen nicht schadet. Es ist ein stimmungsvoller Landschaftsgarten, der für uns ein Ort der Ruhe und Besinnung ist. Hin und wieder sehen wir Eichhörnchen, auch Wildschweine wurden gesichtet. Die Rehe kommen schon ins Gerede, da sie die Gestecke und Grabesgewächse anknabbern würden. Wir selbst haben so etwas noch nicht bemerkt.
Als wir jung waren, hatten wir Freunde, die in der Nähe wohnten. Feierten wir das Ende des Jahres bei ihnen, spazierten wir Neujahr nach dem Frühstück über den Friedhof. Bereits damals beeindruckte uns die Tier- und Pflanzenwelt. Mit einem Gedenken an die Toten hatte das nichts zu tun.
Es gibt Menschen, für die ein Friedhof ein bedrückender, unangenehmer Ort ist, der etwas mit Endgültigkeit zu tun hat. Er zwingt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, den man im Alltagsleben am liebsten verbannt. Für sie ist der Friedhofsbesuch belastend und kann sie daran hindern, ihren Frieden zu finden. Unmittelbar nach der Beerdigung von Jens erging es mir ähnlich. Die Vorstellung Jens an einen Ort zu besuchen, der mit Trauer und Verlust zu tun hat, war furchtbar. Doch im Laufe der Zeit änderte sich das.
Vor dem Grab trifft sich unsere Familie. Hier erinnern wir uns gemeinsam an Jens, sprechen über oder mit ihm, stellen ihm ein Gläschen Glühwein oder Grappa auf das Grab und stoßen mit ihm zu Weihnachten oder an seinem Geburtstag an.
Eines schließt ja das andere nicht aus. Egal, wo wir sind, die Erinnerung an ihn kann uns niemand nehmen. Im Herzen und in unseren Gefühlen ist er uns näher, ist er auf gewisse Weise lebendiger als auf dem Friedhof. Die Verbundenheit zu ihm empfinde ich inniger. Die Gedanken an ihn sind im Ergebnis, das, was bleibt, auch wenn kein Grab (mehr) existiert.
Letztendlich ist die Entscheidung, ob ein Grab als Gedenkort angemessen ist, eine persönliche Wahl. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was für ihn geeignet und am tröstlichsten ist. Niemand sollte über einen Trauernden negativ urteilen, falls er seinen Verstorbenen nicht auf dem Friedhof besucht, oder gar, wenn die Beerdigung anonym erfolgt und kein Grab zum Besuchen vorhanden ist.
In der Trauer gibt es weder richtig noch falsch.
Für mich ist beides wichtig, die Gedenkstätten und das Herz.
© Brigitte Voß
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