Heute feiern wir den Geburtstag von Jens. Wir verbringen ihn auf unserem Dauercampingplatz, den er so geliebt hatte. Es war einer seiner letzten Wünsche, ihn gerne noch einmal aufzusuchen und dort zu übernachten. Es war stets kompliziert, wenn er aus Düsseldorf kam, meistens nicht allein, und da rückten andere Interessen in den Vordergrund. Aus diesem Grund musste das vorher geplant werden. Zumindest nahmen wir uns für 2015 fest vor, in der warmen Jahreszeit wie früher mit ihm auf den Zeltplatz zu fahren. Vielleicht wäre ja sein Bruder dabei gewesen. Sie waren oft im Doppelpack. Leider ist nichts mehr daraus geworden, was wir sehr traurig finden. Jens stieg in den Todesflieger, und damit waren alle Pläne und Wünsche vorbei.
Auf dem Campingplatz ist Jens inmitten der Natur aufgewachsen. Wie eh und je stehen die Wohnwagen und Zelte kreuz und quer mitten im Wald. Der Fall der Mauer führte hier, anders als auf vielen Plätzen, nicht zu ihrer parallelen Ausrichtung. Zum Glück! So befinden sie sich noch immer an derselben Stelle, die unser Sohn die längste Zeit seines Lebens kannte. Wie einst können wir hier Eichhörnchen, Igel, Vögel und weitere Tiere beobachten.
Es liegt nahe, seinen Ehrentag an dem Ort zu verbringen, den er so geliebt hat.
Vor dem Frühstück sind wir im gegenüberliegenden See schwimmen gegangen. Das war seine Welt. Das Wasser. Später kam das Radfahren hinzu. Der Grundstein zum Wettkämpfer war gelegt. Allerdings verzichten wir heute darauf, mit den Rädern irgendwohin zu fahren. Den wir haben uns stattdessen vorgenommen, durch den Wörlitzer Park zu wandern:
Wie oft sind wir mit unseren Söhnen diese Wege gegangen. Die knorrigen, alten Bäume blickten auf sie herab. Sie existieren immer noch, während Jens …
Die Gebäude, die Gewässer mit ihren Fähren und Brücken sowie die Orte, die den Kindern einst geheimnisvoll oder abenteuerlich erschienen waren, wie das Hexenhaus, die Grotten und die Hängebrücke haben sich nicht verändert. Die Liebe zu dem englischen Park war ihnen stets geblieben.
Wir spazieren an einem Sockel vorbei. Er soll ein Überbleibsel einer Statue sein. Sie selbst ist verloren gegangen, aber der Unterbau steht noch und dient als Erinnerung an die einstmals prächtige Vergangenheit der Anlage. Auch wir erinnern uns. Es existieren genug Fotos, die die Kinder auf dem Sockel zeigen. Über die Jahrzehnte hinweg blickten sie lachend, posierend und manchmal genervt von der vielen Fotografiererei in die Kamera. Jetzt stehen die Enkel darauf und müssen sich ablichten lassen.
Wir setzen uns auf eine Bank und verspeisen den mitgebrachten Proviant, nämlich Schnitzelbrötchen. Die liebten sie, wenn wir unterwegs waren.
Zurück auf dem Campingplatz diskutieren wir, was Jens jetzt gern machen würde. Rasch sind wir uns einig, dass er im See schwimmen würde. Gedacht getan. Was als nächstes folgt ist klar. Eine Wackersteinrunde. Jens begann mit uns im zarten Alter von vier Jahren zu zelten. Damals wie auch jetzt wanderten wir viel durch den Wald. Eine bestimmte Tour kristallisierte sich heraus: die rund 2 km lange Wackersteinrunde. Der Begriff wurde von uns geprägt. Ein Findling markierte die Wegkreuzung, an der wir abbiegen mussten. In Anlehnung an Grimms Märchen Der Wolff und die sieben Geißlein verpassten wir ihm den Namen Wackerstein. Leider hat ihn die Zeit mit Erde und Laub derart überhäuft, dass er nicht mehr zu sehen ist. Nur ein überwachsener Hügel kündet von seiner Existenz.
Wir gehen an ihm vorbei und haben unseren Spaß daran, beim Abbiegen genau dieselbe Strecke zu nehmen wie einst Jens. Stets gab es sinnreiche Diskussionen, warum wir die von uns geliebte Abkürzung nicht nehmen sollten. Die Vielzahl seiner Argumente war wahrhaftig erstaunlich.
Auf der Rückfahrt wählen wir einen Abstecher zur Gaststätte. Da Jens heute 44 Jahre alt wird, trinken wir auf diese Schnapszahl und seinen für uns gelungenen Geburtstag einen Schnaps, um danach das Abendbrot zu verspeisen.
Wir beschließen, noch einen kurzen Spaziergang zu machen und entscheiden uns für den Försterweg, den er gern zum Fahrradfahren nutzte. Leider fängt es an zu regnen. Ich stelle mir vor, es sind seine Tränen, da er nicht mehr unter uns weilen kann wie einst. Ich bin mir sicher, er hat uns in anderer Form begleitet.
Es war ein schöner Geburtstag. Die Freude überwog die Traurigkeit. Sie wird wohl nie verschwinden, es kommt darauf an, wie man mit ihr umgeht.
© Brigitte Voß
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