16.08.2021, Montag – der siebente Geburtstag ohne Jens

Ein wirklich schweres Gedenken ist der Geburtstag unseres Sohnes.
Bereits Tage vorher bin ich nervös, schwermütig und schlafe schlechter als schlecht, wobei Albträume ein leichtes Spiel mit mir haben.
Trotzdem versuchen wir stets, an seinem Ehrentag, ein wenig Fröhlichkeit aufkommen zu lassen. Er hätte es so gewollt. Es ist der Tag seiner Geburt und nicht des Sterbens. Das sollten wir auseinanderhalten, obwohl Leben und Tod eng miteinander verbunden sind. Letzteres wird von den Menschen zu gern ignoriert, obgleich das unsichtbare Schwert des Todes permanent über alles, was lebt, schwebt und jederzeit zustechen kann.
Die Geburt eines Lebewesens schenkt ihm das Dasein auf der Erde. Das sollte man feiern, nur ist es unfassbar, wenn es sich um das eigene, verstorbene Kind handelt. WIR hätten vor ihm gehen müssen.

Lieber Jens,
heute würdest du vierundvierzig Jahre alt werden. Sicher würde diese Schnapszahl durch deine Art zu scherzen einen gebührenden Platz erhalten.
Wir wünschen dir zu deinem Geburtstag in dem anderen Dasein alles Liebe und Gute, obgleich niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Vielleicht auch das große Nichts? Das wäre furchtbar, denn in dem Fall würdest du aufgehört haben, in irgendeiner Form zu existieren. Trotz der Unkenntnis werden wir dir bis zu unserem Lebensende gratulieren. Die Glückwünsche trösten uns, egal ob, wo und wie du nach dem grausamen Tod weiter existierst. So oder so weilst du nicht mehr unter uns. Du fehlst.Für Eltern ist es ein merkwürdiges Gefühl, so einen »alten« Sohn zu haben. Normalerweise begleiten sie ihr Kind durch all die Zeit und registrieren kaum, wie es sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Ich, hingegen, mache mir schon Gedanken, wie du jetzt aussehen würdest. Seit sechs Jahren und fünf Monaten lebst du nicht mehr in unserer Mitte. Wir vermissen dich so sehr. Die schmerzvolle Sehnsucht wird stets bleiben.
Kämest du plötzlich durch die Tür, was nach wie vor eine wunderbare Vorstellung ist, was würde ich sehen? Würden bereits graue Strähnen dein Haar durchstreichen? Oder tiefere Furchen das Gesicht? Es ist anzunehmen, dass sich dein Äußeres weniger gewandelt hätte, wie es bei den Schul- und Kleinkindern an Bord des Flugzeuges, der Fall gewesen wäre.
Wie würdest du dich kleiden? Wärest du immer noch so verrückt nach Sport? Diese Frage beantworte ich mit einem klaren »Ja«.
An diesem Tag werden wir nicht an deinem Grab stehen. Das werden wir nachholen. Wir haben uns vorgenommen, Orte zu besuchen, die du geliebt hast, wir werden Dinge tun, die du mochtest, und das Essen verspeisen, das dir geschmeckt hat.
Wir versuchen, nicht in schweigsame Schwermut zu verfallen. Versprochen!
Sei innigst umarmt
deine Ellis

© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “16.08.2021, Montag – der siebente Geburtstag ohne Jens”

  1. Happy birthday in heaven lieber Jens unbekannterweise … dein Schicksal berührt mich so sehr ( wie auch das aller anderen Passagiere )
    Deine Mama hält dein Leben, dein Sein, dein Andenken und das schreckliche Verbrechen in Erinnerung. Niemals sollt ihr vergessen sein.
    Herzliche Grüße , Ingrid

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