In den Medien stieß ich kürzlich auf eine interessante Notiz: Die Filmproduktionsfirma Ufa plant gemeinsam mit Spiegel TV einen dokumentarischen Film über den Germanwings-Flugzeugabsturz in den französischen Alpen. Laut Ufa, befindet sich das Projekt in der Entwicklungsphase, wobei Journalisten beteiligt sind, die für die Umsetzung der Geschichte die Hintergrundinformationen liefern. Leider werden keine weiteren Einzelheiten sowie ein möglicher Sendetermin mitgeteilt.
Mehr habe ich nicht dazu gefunden. Es wäre tatsächlich gut, wenn es eine sachliche Darstellung und Aufarbeitung aller Fakten gäbe. Objektivität müsste das oberste Gebot sein. Doch existiert diese von mir gewünschte Unvoreingenommenheit überhaupt? Es existieren bereits Dokumentationen, die die Angehörigen mit ihrem Schmerz in den Vordergrund rückten, was ich natürlich gut finde. Es gibt Außenstehende, die sich dafür interessieren, wie wir mit unseren Empfindungen angesichts des furchtbaren Todes enger Familienangehöriger umgehen, und was das im normalen Alltagsleben bedeutet. Und einigen von uns ist es wichtig, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen und ihre Ansichten im Zusammenhang mit der Katastrophe zu verbreiten.
Eine ungefärbte Doku, frei von jeglichen Einflüssen, von wem auch immer, kann ich mir nicht vorstellen. Hinzu kommt, wir leben mit einem gefährlichen Virus zusammen, und es ist nicht sicher, wie lange wir uns damit herumschlagen müssen. Warten wir ab.
Mitte Juli kam es in Teilen Deutschlands zu extremen Unwettern. Stark betroffen waren Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Bisher gibt es mehr als 180 Tote, und viele Menschen werden noch vermisst. Innerhalb von 24 Stunden fielen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Ganze Häuser und sogar Dörfer wurden von den Fluten weggerissen. Besonders schwer wüteten die Wassermassen im Ahrtal.
Politiker zeigen sich in den Katastrophengebieten. Ob sie immer erwünscht sind, sei mal dahingestellt. Ich fand es im Fall der Germanwings-Katastrophe im Nachhinein (damals habe ich das kaum registriert) erfreulich, dass sich Kanzlerin Angela Merkel, der spanische Premier Mariano Rajoy und der französische Präsident François Hollande vor der Stele, die in Windeseile errichtet wurde, in Le Vernet getroffen haben. Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft war dabei. Sie konnte die Angehörigen sicherlich besser verstehen, weil sie selbst beinah in eine ähnliche Situation gekommen wäre. Ihr Sohn nahm an der Loveparade teil, und sie hatte sich große Sorgen um ihn gemacht. Sie war erleichtert, als er sich meldete. Er blieb unbeschadet.
Ich bin überzeugt, dass diese Politiker nicht aus Selbst-PR-Gründen nach Le Vernet kamen, sondern weil sie schockiert waren. Und wie das so ist, in solchen furchtbaren Gegebenheiten, findet man sich mit seinesgleichen zusammen. Es ist eine Form der Trauerverarbeitung. Zumindest ist das meine Interpretation.
Zurück zur Flutkatastrophe, die gern als die Jahrhundertkatastrophe angesehen wird, obwohl niemand weiß, was noch kommen wird.
Wie bereits erwähnt ließen sich die verschiedensten Politiker in den überfluteten Gebieten sehen und sprachen mit den Geschädigten, deren Häuser weggespült oder zerstört worden waren oder die Verstorbene zu beklagen hatten. Ich bin überzeugt, dass die Flutkatastrophe im derzeitigen Wahlkampf eine Rolle spielt. Vertreter aller Parteien besuchten die Krisengebiete und versprachen den Betroffenen Hilfe. Wahlkampfgetöse.
Das Verhalten des Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerkandidaten Armin Laschet sorgte für großes Aufsehen zunächst in den Social Media und rasch in der gesamten Öffentlichkeit. Das Corpus delicti war ein Foto. Es zeigt, wie er sich bei einem Besuch im Katastrophengebiet lachend zu seinen Gesprächspartnern dreht, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede vor den Opfern hielt. Laschet hatte die laufende Kamera nicht bemerkt. Das kam bei den Leidtragenden natürlich nicht gut an. Er entschuldigte sich bald darauf dafür, doch der Schaden, der entstanden ist, wird sich auf seine politische Karriere auswirken. Die Öffentlichkeit sprach von einem würdelosen, pietätlosen Verhalten. Er wurde dem Ernst der Lage nicht gerecht.
Das Buhlen um die Wählerstimmen wurde auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen.
Die Politiker haben den Opfern der Überschwemmungen viele Versprechungen gemacht. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich später daran erinnern.
Ich bin skeptisch, ob die Hilfe schnell und zügig dorthin fließt, wo sie dringend gebraucht wird, wie versprochen wurde. Die Zukunft wird es zeigen.
© Brigitte Voß
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