18.04.2021, Sonntag – Corona und die verlorene Menschlichkeit

Mit Corona zu leben, ist keine einfache Sache. Mit der Krankheit zu sterben, ist kompliziert. Das trifft nicht nur für die Sterbenden zu. Politiker haben damit ihre Probleme. Angehörige bleiben traumatisiert zurück.
Bis dato soll es 80.000 Verstorbene geben. Särge in Krematorien stapeln sich in mehreren Reihen übereinander, wie Anfang des Jahres in Meißen. Die Infektionszahlen steigen erneut an.
Der heutige Tag wurde von den Regierenden zum nationalen Gedenktag an die Opfer der Pandemie erklärt. Gleichzeitig werden sie für die vielen Corona-Toten verantwortlich gemacht. Einige ihrer Vorschriften zum Schutz vor dem Virus sind schlichtweg grausam. Das Wort »Psychoterror« drängt sich mir auf. Ich hoffe, die Politiker gehen eines Tages in sich und analysieren ihre erlassenen Hygieneregeln, ob sie hilfreich waren oder ob sie die menschlichen Grundrechte mit den Füßen getreten haben. Eines davon ist das Recht auf ein würdevolles Sterben.
Viele Trauernde beschäftigt, dass sie im Sterbemoment nicht bei dem erkrankten Familienmitglied sein durften. Die Kontaktbeschränkungen verbieten Besuche im Seniorenheim, in den Krankenhäusern oder in den Hospizen. Die Senioren und Kranken sterben einsam, allein mit ihren Nöten und Ängsten. Manchmal sind Telefonate möglich. Allerdings im Fall der intubierten Patienten auf den Intensivstationen können Angehörige nur mit den Ärzten telefonieren.
Manche Ehen halten 50 Jahre und länger, die Partner waren füreinander da, standen in der Not eng zusammen. Doch in dem einen Moment des Sterbens war der geliebte Mensch allein. Es ist verständlich, dass sich in die Trauer der Hinterbliebenen Wut über die Politiker und Frustration mischt. Wochenlang durften sie aufgrund von Besuchsverbote nicht ins Krankenhaus. In der schwersten Zeit, die der Kranke durchmachte, war er allein und konnte sich nicht von seiner Familie trösten lassen. Wie verlassen muss er sich gefühlt haben. Vielleicht hatte er Schmerzen, rang mit dem Atem und musste viel leiden. Der Corona-Tod ist sicherlich kein friedlicher Tod. In solchen Augenblicken lindert menschliche Wärme. Ich bin überzeugt, dass Sterbende mitbekommen, ob jemand an ihrem Bett sitzt, sie streichelt und mit ihnen spricht.
Ich habe irgendwo gelesen, was genau beim Sterben passiert. Gemerkt habe ich mir, dass der Hörsinn des Sterbenden am längsten bestehen bleibt. Sie hören, dass gesprochen wird und spüren, dass sie nicht allein sind. Zuletzt pumpt das Herz nicht mehr, Gehirn und Organe erhalten keinen Sauerstoff, der Mensch stirbt.
Ihre Angehörigen bleiben hilflos, depressiv und mit einem Gefühl der Unwirklichkeit zurück.
Es soll Corona-Kranke geben, die sich nicht in die Klinik einweisen lassen und zu Hause qualvoll leiden, aus Angst, ohne die tröstende Anwesenheit ihrer Familie im Krankenhaus isoliert zu sterben.
Ich glaube, mit entsprechender Schutzkleidung hätte man Besuche der Schwererkrankten durch ihre engen Verwandten erlauben sollen. Viel Seelenschmerz wäre den Menschen erspart geblieben. Für mich ist unverständlich, wie kaltblütig die Politiker mit dem Tod umgehen. Was ist das nur für eine Trauerkultur!
Im normalen Alltag dürfte es allerdings oft vorkommen, dass Menschen sich nicht von Sterbenden verabschieden können. Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht stirbt jemand durch einen Unfall, im Ausland, wird entführt, ermordet …
Ich denke an Jens, der mit dem Flugzeug abstürzte, weil ein Copilot es so wollte. Er war allein mit seiner Todesangst.
In all diesen Situationen ist ein Abschied nicht möglich, was Auswirkungen auf die Hinterbliebenen hat. Für mich war es schwer zu realisieren, dass Jens nicht mehr lebt. Mein Verstand wusste den Fakt, allerdings ihn richtig zu begreifen, dauerte lange.
So oder ähnlich wird es wohl auch den Angehörigen gehen, deren Familienmitglieder einsam an Corona oder einer anderen Krankheit sterben mussten.
© Brigitte Voß


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