Völlig zerschlagen sitze ich am Frühstückstisch und beobachte, wie die Eiskristalle auf dem Auto unter den Strahlen der morgendlichen Sonne im Sekundentakt dahinschmelzen. Sie versprüht bereits jede Menge Energie, während der permanent wehende Wind eiskalt ist. Der gestrige Tag war für mich anstrengend. Abgesehen davon, dass wir die letzten Tage viel bergauf und bergab unterwegs waren, ist meine Psyche angegriffen. Der Verlust von Jens bringt sie vollkommen durcheinander, sodass sie versucht, sich am Körper abzureagieren. Ich klebe förmlich am Stuhl fest.
Unsere erste Handlung besteht darin, die Blumen für Jens aus dem Gedenkraum zu holen, um sie erneut vor der Stele zu platzieren. Wir haben sie gestern Abend hereingeholt, um sie vor dem Frost zu schützen.
Auch die Kränze auf dem Friedhof wurden aus diesem Grund von Philippe in die Kirche geräumt, wo sie allerdings bleiben werden. Die Nächte sind wahrhaftig sehr kalt.
Zur Kranzniederlegung durch die offiziellen Vertreter sollen zum Gedenken an die Opfer die Glocken zur Absturzzeit geläutet haben – das lese ich in einer Zeitung. Die Flugzeugkatastrophe scheint nach nunmehr sechs Jahren für die französische Presse aktueller zu sein als für die deutschen Medien.
Auf dem Weg zum Friedhof treffen wir auf einen Mann, der sich an seinem Auto zu schaffen macht. Er begrüßt uns und möchte etwas sagen. Wir erkennen Robert, mit dem wir bei zufälligen Begegnungen im Ort manchmal ein wenig geplaudert haben. Dieses Mal erzählt er uns von seiner Motorradtour durch Skandinavien, die Niederlande und Deutschland. Er lobt, wie schnell er auf unseren Autobahnen fahren konnte, und ist begeistert, dass es bei uns keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Seine Frau gesellt sich hinzu. Das Zusammentreffen endet mit einer Besichtigung ihres Domizils. Es ist eines der baufällig wirkenden Häuser im provenzalischen Stil, das sich im Ortskern befindet. Sie nutzen es als Sommerfrische. Drinnen ist es angenehm kühl. Ich habe den Eindruck, als würde es bald zusammenstürzen, doch die groben Steine, aus denen es besteht, halten es gut zusammen.
Die katalanischen Angehörigen-Freunde reisen heute ab. Sie würden gern länger bleiben, aber die Geburtstagsfeier einer nahen Verwandten steht an, was seit dem Flugzeugabsturz für sie wichtiger denn je ist. Wir verabschieden uns mit angedeuteten Umarmungen, und sind zuversichtlich, dass wir uns trotz Corona bald wieder in Le Vernet treffen würden. Sowohl die Familie als auch wir fühlen uns von der Nähe unserer toten Kinder angezogen – für sie zu ihrem Jordi, für uns zu Jens. Und erneut: »Es war Mord.«
Ich mag morgen nicht nach Deutschland zurückfahren. Es wäre freilich möglich, den Aufenthalt in Le Vernet zu verlängern, doch unsere Enkelin feiert ebenfalls ihren Geburtstag.
Hier und im Ausland steigen die 7-Tages-Inzidenzen. Man weiß nicht, was sich ereignen könnte. Daher ist es besser, im eigenen Zuhause zu hocken, als sich in einem Land aufzuhalten, das man zwar mag, in dem man sich allerdings nicht so gut auskennt wie in der Heimat. Hinzu kommt die Ankündigung von Deutschland, Frankreich zum Hochrisikogebiet zu erklären.
Widerwillig packe ich den Koffer.
© Brigitte Voß
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