Durch die Ausgangssperre von 19 bis 6 Uhr ist es nicht nur außergewöhnlich ruhig, sondern beinahe unheimlich still. Dennoch fand ich kaum Schlaf.. Sogar in dem kleinen Ort inmitten der Berge, wird sie eingehalten. Nur gegen 22 Uhr führt allabendlich ein Herr seinen Hund Gassi. Ich sehe es am Lichtkegel einer Taschenlampe und an dem Lichterkranz eines Hundehalsbandes, der in ungerichteten Bewegungen über die Wiese schwebt.
Die Nacht stand ich mehrmals am Fenster der Gîte und betrachtete die Umrisse des Ubac. Der Schnee gleitet wie ein Zuckerguss den lang gestreckten Grat hinunter und leuchtete im silbrigen Schein des Vollmondes mystisch auf. Vor sechs Jahren flog dahinter ein Airbus mit 149 Menschen, die dem Tod geweiht waren, entlang, weil der 150-zigste es so wollte. Er setzte seinen verbrecherischen Plan bis zur grausamen Vollendung um. Jens musste, wie die anderen, tatenlos zusehen. Sie hatten Angst. Todesangst!
Hervé trifft ein. Er möchte uns nicht allein lassen. Wir fahren zum entsprechenden Parkplatz im Wald. Riesige Steine versperren die Weiterfahrt. Die Hippies, die im Sommer in Pié Fourcha wild campierten, planen nächstes Jahr erneut zu kommen. Offensichtlich soll das durch diese natürliche Absperrung verhindert werden.
Wir beginnen den Aufstieg. Die Morgensonne steht tief. Ihre Kraft ist noch zu schwach, um die Schneefelder auf der Piste abzutauen. Sie sind leicht zu durchqueren. Es ist kalt, doch der sonnige Tag deutet sich bereits an. Am Col de Mariaud legen wir, wie es zur Gewohnheit geworden ist, eine kurze Verschnaufpause ein. Wir unterhalten uns über unsere Familien und natürlich über unseren verstorbenen Sohn Jens.
Es sind nur noch wenige Meter, bis sich die Absturzstelle zeigt. Vorbei am Aussichtspunkt gehen wir weiter die Piste entlang. Wir überwinden die Absperrung, an der ein neues Verbotsschild den Zutritt verwehrt. Wir sind nicht die einzigen Angehörigen, die es ignorieren – natürlich auf eigene Gefahr. Offensichtlich ist es ein offenes Geheimnis, das von den Verantwortlichen toleriert wird.
Wir lassen uns vor dem Denkmal an einer Stelle nieder, die wir zum Gedenken an Jens bestimmt haben. Das hatte sich einfach so ergeben. Wir legen Blumen ab und ritzen in einen kleinen Schieferstein seinen Namen, den die Witterung permanent versucht, auszulöschen. Für sie wird es ein vergebliches Spiel sein, denn solange es einigermaßen geht, werden wir wieder kommen. In dem Arrangement darf seine Lieblingsschokolade nicht fehlen. Darauf achtet mein Mann akribisch.
Der Klumpen in meinem Magen wird schwerer. Die Zeit des Flugzeugabsturzes rückt näher.
Menschen tauchen auf. Es ist Gilles, begleitet von drei Unbekannten. Wir begrüßen uns, die fremde Familie stellt sich kurz vor. Sie setzen sich auf einen Stein am Wasserlauf. Gilles und Hervé bleiben in unserer Nähe.
Mein Blick trübt sich, ich denke nur noch an Jens. – Die Absturzzeit. Lähmendes Stille. Keiner der Insassen überlebt. Sie haben gewusst, was mit ihnen geschehen würde. Ihre Angstschreie, ihr Wimmern, ihr Jammern sind verstummt. Ihre Todesangst löst sich in einem großen Nichts auf. Das Schweigen der Toten legt sich über die Felsen. Am Rand der Trümmerteile wabert eine kleine Rauchwolke in den Himmel. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. –
Schreiend oder umgeben von den panischen Lauten einer entsetzlichen Angst sterben zu müssen, ist an sich so grausam, dass keine Worte existieren, die dies angemessen wiedergeben könnten. Im Bruchteil einer Sekunde ist kein menschlicher Körper geblieben, wie er einst war. Nichts erinnert mehr an das stolze Flugzeug. Nach der Sprache der Medien wurde alles pulverisiert. Ich kann nur hoffen, dass das Böse, das die Maschine beherrschte, im unbekannten Jenseits seiner gerechten Bestrafung zugeführt wird.
Der Nebel lichtet sich. Mit feuchten Augen finde ich mich wieder. Nach einer Weile kommt Hervé auf uns zu. Er und Gilles möchten uns umarmen. Plötzlich stehen wir zu viert im Kreis, die Arme auf den Schultern des Nachbarn. Diese Geste erfasse ich mit voller Klarheit. Ich bin dankbar. Das Schicksal der Angehörigen lässt die Bewohner der Umgebung nicht kalt. Doch auch für sie wird der Flugzeugabsturz ein einschneidendes Erlebnis bleiben.
Der Abstieg beginnt. Die französischen Freunde schlagen vor, einen Abstecher nach Pié Fourcha, einen verlassenen Weiler, zu machen, um dort bei einem Picknick noch ein wenig zusammenzusein. Eine anschließende Wanderung lehnen wir freundlich ab. Danach ist uns nicht zumute.
Während wir an dem rustikalen Rasttisch in Pié Fourcha unsere mitgebrachten Speisen einnehmen, nimmt mich die temperamentvolle Unbekannte, die mit ihrer Familie Gilles zu uns in die Berge begleitet hat, in Anspruch. Sie spricht über die Katastrophe und den Copiloten, den sie mehrfach als Massenmörder bezeichnet. Wortreich schimpft sie über ihn und dessen Familie. Sie staunt, dass niemand etwas von seinen Problemen gemerkt haben soll. Zwischenzeitlich holt sie aus ihrem Rucksack einen tiefgekühlten, selbst zubereiteten Zitronenschnaps, den sie in die mitgebrachten Plastikbecher einschenkt. Schließlich möchte sie mehr über Jens erfahren, und ich rede gern über ihn. Der Alkohol entfaltet seine Wirkung, was dazu führt, dass die Welt an diesem düsteren Tag ein bisschen bunter erscheint.
Wir beginnen mit dem Abstieg. Die Sonne brennt heiß, doch der kalte Mistral mildert ihre Strahlen. Am Parkplatz verabschieden wir uns.
Wir fahren direkt im Anschluss mit Hervé zum Friedhof, zünden eine Kerze an, gießen die Blumen und betrachten die abgelegten Kränze der politischen Repräsentanten.
Anschließend verweilen wir geraume Zeit auf der Bank und hängen unseren Gedanken nach.
© Brigitte Voß
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