Seit sechs Jahren bist du nicht in unserer Mitte. Du bist weg, existierst nicht mehr. Man könnte meinen, seitdem müsste die Zeit stillstehen, doch sie vergeht schneller, als man es wünscht. Ich möchte nicht, dass dein Bild verblasst.
Daher spreche ich mit dir, weil es beruhigt, weil es Erinnerungen heraufbeschwört und sich das Gefühl einstellt, dass du ständig bei uns bist. Worte sind fehl am Platz, sie würden diese Art der Kommunikation zerstören. Der Kontakt erfolgt mental über eine tiefe Vorstellungswelt.
Das untrügliche Gespür, dass du in einer andersartigen Welt dein Leben weiterführst und munter deine Träume verwirklichst, lässt mich nicht mehr los.
Man könnte meinen, es widerspräche sämtlicher Logik. Nur habe ich kürzlich von Theorien gelesen, die sogar von Wissenschaftlern stammen und das Gefühl untermauern. Sie behaupten, dass wir in einer Welt leben, die aus unendlich vielen Parallel-Universen besteht. Ihre mathematischen Zahlen deuteten darauf hin.
Kühner ist ihre Aussage, dass in diesen Sphären unsere Doppelgänger anzutreffen sind, das heißt, unzählige Kopien unserer selbst. Sie versuchen, dies mit Hilfe komplizierter quantenphysikalischer Berechnungen zu beweisen, und jonglieren mit schwer vorstellbaren Mutmaßungen herum.
Verrückter wird es, stelle ich mir vor, dass du die vergangenen sechs Jahre glücklich in einem Universum weiterleben könntest, weil du aus irgendwelchen Gründen, die Dienstreise nach Spanien abgesagt hattest, während wir in einer Welt verblieben sind, in der du sie angetreten hast und deswegen sterben musstest.
Die Lücke, die du hinterlässt, ist offensichtlich so groß, dass ich das Bedürfnis habe, diese zu füllen. Ich versuche, Erklärungen zu finden, ob von dir unwiderleglich alles ausgelöscht ist, oder ob du, in welcher Form und wo auch immer, weiter existierst. Der feste Glaube, dass du stets in unserer Nähe bist, egal wo wir uns aufhalten, ist und bleibt tröstlich.
Die religiösen Anschauungen vom Himmel, vom Wiedersehen eines geliebten Verstorbenen nach dem eigenen Ableben und über die Wiederauferstehung sind mystisch.
Im Grunde genommen wirken sämtliche Vorstellungen absurd, oder unsere menschlichen Gehirne sind zu beschränkt, um sie in ihrer Ganzheit zu verstehen.
Die Gedanken kreisen und können weder einen Anfang noch ein Ende finden.
In der Welt, in der wir leben, gibt es dich nicht mehr. Zu glauben, dass du in unserer Nähe bist, ist besser als das große Nichts.
Seit sechs Jahren überlege ich, ob du uns aus deinem Universum heraus sehen, vielleicht auch hören kannst. Womöglich bist du in der Lage, Parallelwelten zu wechseln, oder schwebst auf einer Wolke, um uns zu beobachten.
Du würdest unsere Trauer mit dem ganzen Elend erkennen, die dein gewaltsamer Tod mit sich bringt, und traurig sein. Ich hingegen möchte, dass es dir in der unfassbaren Welt gut geht, und dem soll nichts im Wege stehen. Mit Sicherheit freust du dich, dass wir das Lachen trotz deines schrecklichen Sterbens nicht vollständig verlernt haben. Zunächst war es verschwunden, langsam wird es wieder lauter.
Es sind nur Gedankenspiele, aber sie geben mir zu denken und helfen im weiteren Leben.
Letztendlich kommt es darauf an, dass die Lebenden mit ihren Toten einen inneren Frieden finden.
Können wir das?
Dein Sterben kam zu plötzlich. Man war nicht vorbereitet, und auf solch einen grausigen Tod schon gar nicht.
Niemand hätte gedacht, dass du vor uns gehen könntest. Wir hatten keine Gelegenheit, uns von dir zu verabschieden. Manches wurde nie gesagt.
In der Hoffnung, dass du diese Zeilen bemerkst, und sie dir in der anderen Dimension noch etwas bedeuten, möchte ich dir Danke sagen:
Danke, Jens, dass wir dich auf deinem Lebensweg begleiten durften.
Danke für all die schönen Stunden.
Danke, dass du da warst.
Die Zeit mit dir war wunderschön …
© Brigitte Voß
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