°DREIHUNDERTDREIZEHN WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Wir besuchen die üblichen Gedenkstätten im Ort. Als wir sie nach der Ankunft das erste Mal aufsuchten, bemerkte ich sofort, wie sauber und ordentlich alles aussah, obwohl seit Corona sicherlich kein Angehöriger hier aufgetaucht sein dürfte. Ich war überrascht, dass die Fotos und die Erinnerungsstücke, die von uns Hinterbliebenen in Gedenken an die armen Opfer vor der Stele, im Gedenkraum und auf dem Friedhof platziert wurden, einen frisch gesäuberten Eindruck machten. Wer kann das gewesen sein?
Wir stehen vor der Stele und erfreuen uns daran, weil das Bild von Jens im Licht der Provence wie ein Diamant glänzt. Als wir wegen der strengen Corona-Vorschriften beim besten Willen nicht nach Frankreich reisen durften, waren wir überzeugt, dass uns Jens aus der Ferne grüßt, wenn die Medien Aufnahmen von der Stele und der Bergkette zeigten, auf denen wir stets das Foto mit unserem Sohn erkennen konnten.
Uns fällt auf, dass in den Tagen, die wir bereits hier sind, auffallend viele Franzosen ihr Auto am dortigen Parkplatz abstellen und per Fuß einen kleinen Abstecher zur Stele machen. Die meisten bleiben einige Minuten vor dem Zaun stehen. Das jährliche Gedenken steht bevor, und die Bewohner oder Besucher des Ortes haben es offensichtlich nicht vergessen. Sie gedenken der armen Opfer.
Bisher konnten wir keine Blumen auftreiben, was mich beunruhigt. Ein Jahresgedenken ohne sie, das geht gar nicht. Daher machen wir uns auf den Weg nach Digne. Während der Fahrt bewundere ich die Forsythien, die in frühlingshaftem, satten Gelb erblühen. Auch die Obstbäume kündigen mit ihren unschuldig weißen Blüten den Frühling an. Die Sonne freut sich darüber, nur mein Herz ist schwer. Die Gedenktage haben es trotz der sechs Jahre, die seit dem Flugzeugabsturz vergangen sind, immer noch in sich. Mich beschleicht die Ahnung, dass sich das nie ändern wird. Wieso sollte das auch geschehen? Wir haben Jens verloren, unseren geliebten Sohn. Das erklärt, warum ich manchen Gefühlen willenlos ausgesetzt bin.
In Digne finden wir sofort den Blumenladen, den uns Hervé benannt hatte. Ihn haben wir soeben in seinem neuen Domizil besucht. Er möchte uns zum morgigen Gedenktag gern begleiten und nicht allein lassen, vorausgesetzt es ist uns angenehm. Wir sind einverstanden. Wir kaufen drei Blumentöpfe mit Frühblühern. Mir fällt ein Stein vom Herzen.
Wieder zurück in Le Vernet, begegnet uns auf dem Friedhof Philippe, den wir schon lange vor Ort als Mitarbeiter der Lufthansa kennen. Von ihm erfahren wir, dass er nicht mehr bei der Fluglinie angestellt ist. Stattdessen arbeitet er in der von ihm gegründeten Einmannfirma und ist für die Ordnung und die Sauberkeit der Gedenkplätze im Ort verantwortlich. Im Vorfeld des Jahresgedenkens hatte er die Gedenkstätten auf Vordermann gebracht und somit alles, was damit in Verbindung steht. Sogar die Tafel mit den Namen der Opfer ist blitzeblank geputzt. Im Sommer bröckelte die Schrift an einer Stelle ab, sie wurde repariert. Die goldenen Buchstaben leuchten uns milde an. Wir bedanken uns herzlich bei Philippe. Er und Herr Heydlauf von der Angehörigenbetreuung der Lufthansa bereiten den morgigen Gedenktag vor. Es wird eine Kranzniederlegung politischer Vertreter, darunter die Bürgermeister von Le Vernet und Prads, stattfinden. Monsieur Bartolini aus Prads, der mir bei einem unserer ersten Besuche in Le Vernet so mitfühlend beigestanden hat, übt dieses Amt aus Krankheitsgründen nicht mehr aus.
Sie stecken Zettel in den Boden, die markieren, wo welcher Repräsentant unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes, den die Corona-Regeln vorschreiben, stehen soll. Auch die Kränze werden einen zugewiesenen Platz haben.
Die beiden laden uns ein, am morgigen offiziellen Gedenken an den Flugzeugabsturz teilzunehmen. Doch wir ziehen es vor, zur Zeit des Absturzes direkt am Ort der Katastrophe zu sein.
Wir platzieren die frisch erworbenen Blumentöpfe auf den Gräbern. Einer vor dem Namen von Jens auf dem Gemeinschaftsgrab und der andere auf dem Sarkophag von Milad, der nicht im Iran bestattet ist, und dessen Angehörige nicht kommen können. Die dazugehörigen Kerzen dürfen nicht fehlen. Nun sehen beide Ruhestätten nicht mehr so traurig aus.
Auf dem Weg zur Stele begegnet uns Gilles. Ihn und seine Frau hatten wir letzten Sommer kennengelernt und waren zusammen gewandert. Wir begrüßen uns, wollen uns umarmen und lassen es aber besser sein. Was sind das nur für Zeiten. Auch Gilles möchte uns gerne an dem morgigen schweren Tag begleiten, um uns beizustehen. Er wird später kommen. Als wir noch nicht vorhatten, nach Le Vernet zu reisen, schlug er vor, die Zeremonie auf dem Friedhof für uns zu filmen. Eine nette Geste. Nun begleitet er uns ebenfalls zur Absturzstelle.
Der dritte Blumentopf findet seinen Platz vor der Stele.
© Brigitte Voß
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