Die Fahrt in die südfranzösischen Alpen verlief reibungslos. Da wir nicht die gesamten 1250 km von zu Hause nach Le Vernet am Stück fahren wollten, hatten wir eine Zwischenübernachtung in der Schweiz nahe der Grenze organisiert. In der Unterkunft waren wir die einzigen Gäste. In Deutschland gilt ein Beherbergungsverbot. Die Strecke über das Alpenland ist kürzer als die direkte Einreise nach Frankreich. Kein Grenzposten hielt uns auf, nicht einmal einer war in Sicht. Ich war erleichtert, denn ich rechnete mit allem, auch mit einer möglichen Umkehr, sollten uns staatliche Autoritäten dazu zwingen. Genauso gut könnte man uns nach der Rückkehr aus Le Vernet zu einer Quarantäne verdonnern, was uns egal wäre, da wir nicht mehr im Arbeitsprozess stehen. Und sollte uns das Virus wegen aufgetretener Unvorsichtigkeiten töten, wäre es eigenes Verschulden … Doch schnell schiebe ich den Gedanken beiseite.
Am nächsten Morgen fuhren wir weiter dem Endziel entgegen. Ich war nervös. Bildhaft stellte ich mir vor, wie uns die Grenzer aus irgendwelchen Gründen die Einreise verweigern könnten. Eigentlich dürfte uns nichts passieren, denn wir führten das negative Testergebnis (CPR) sowie die ausgefüllte Gesundheitserklärung mit uns.
Vor dem Grenzübergang nach Frankreich (Genf) forderten uns Schilder auf, die Maske aufzusetzen. Brav ordneten wir uns in die Schlange ein. Dieses Mal entdeckten wir Grenzposten, jedoch in einem befriedigenden Abstand zu uns. Sie kontrollierten gerade einen Flixbus. Mit Freude passierten wir den unbesetzten Kontrollpunkt. Hurrah, wir hatten es geschafft. Wir waren in Frankreich. Nun würde unserem Wunsch, das sechste Jahresgedenken nahe der Absturzstelle zu begehen, nichts mehr im Wege stehen. Dass wir das fünfte wegen Covid-19 zu Hause verbringen mussten, hatte gereicht.
Mittlerweile haben wir uns gut in Le Vernet eingewöhnt. Das Virus ist auch hier allgegenwärtig. Häufig werden wir von Freunden und Bekannten gefragt, ob wir schon geimpft sind. Unsere Gesprächspartner sind es durchweg nicht. Wie wir stehen sie dem Astra-Zeneca-Impfstoff skeptisch gegenüber und warten ab. Manche zeigen sogar Sympathie für den russischen Sputnik-Impfstoff. Sie berichten von schlechter Organisation, die Impfungen würden nur schleppend vorankommen. Trotzdem finde ich, dass Frankreich flexibler reagiert. In den Einrichtungen der Feuerwehr sowie bei den Tierärzten und Apothekern besteht zusätzlich zu den großen Impfzentren die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Die Corona-Politik von Macron ist nicht besonders beliebt.
Im Gedenkraum treffen wir auf die katalanische Familie, die wir durch die Katastrophe kennengelernt haben. Oft sind wir unbeabsichtigt zur selben Zeit in Le Vernet, was allmählich verwundert. Obwohl keine weiteren Angehörigen am diesjährigen Jahresgedenken teilnehmen werden, hatten wir fest mit ihrem Erscheinen gerechnet. In dieser Hinsicht sind wir aus dem gleichen Holz geschnitzt. Wir freuen uns über das Wiedersehen. Auch sie waren davon überzeugt, dass wir trotz der widrigen Umstände in Le Vernet auftauchen würden. Sie haben ihren 37-jährigen Sohn verloren, der sich, wie Jens, aufgrund einer Dienstreise in dem Germanwings-Airbus befand. Die Mutter führt mich zu einem Foto, auf dem eine optimistisch dreinschauende junge Frau zu sehen ist. Sie heißt Cristina. Ihr zum Gedenken wurde ein Buch geschrieben, das anlässlich des diesjährigen Jahresgedenkens erscheint: »El vuelo de Cristina« von Marçal Girbau. Das Buch ist eine Hommage an die junge Frau und die anderen 148 Opfer. Es analysiert die Geschehnisse und betrachtet sie von verschiedenen Seiten. Der Autor setzt sich damit auseinander, dass das mörderische Geschehen von den Gerichten als Verkehrsunfall definiert wird, und welche Konsequenzen das für die Trauer der Hinterbliebenen hat. Sicher ist es eine lesenswerte Lektüre, aber leider kenne ich keine deutsche Übersetzung davon. Die Mutter betont immer wieder erregt: »Es war Mord!« Und sogleich wird die Lufthansa genannt.
Die Familie wird übermorgen an der öffentlichen Kranzniederlegung zum Gedenken teilnehmen. Der Bruder von Jordi, dem Opfer, meint, wir könnten ebenfalls kommen. Das wäre zwar okey, doch wir möchten zur Absturzzeit lieber in der Nähe von Jens in den Bergen sein. Er nickt verständnisvoll. Allerdings fühlt er sich als Mitglied des spanischen Opferbandes, der sich kurz nach der Katastrophe aus den Angehörigen heraus formierte, verpflichtet, auf dem Friedhof an der Kranzniederlegung dabei zusein. Wie ich ihn kenne, würde er es sicherlich bevorzugen, seinem Bruder an der Absturzstelle zu gedenken.
Um 19 Uhr sind wir folgsam in unserer Unterkunft, um die in Frankreich verhängte Ausgangssperre, einzuhalten, die bis früh 6.00 Uhr dauert. Uns macht es nichts aus, dafür dürfen wir zum Jahresgedenken hier sein.
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