Vor wenigen Wochen erhielten wir folgende Nachricht von der Lufthansa, die mit den Worten begann:
»heute müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass auch in diesem Jahr, am 24. März 2021, keine gemeinsame Gedenkfeier für die Verstorbenen von Flug 4U9525 in Frankreich stattfinden kann. Die nach wie vor anhaltenden Einschränkungen aufgrund der weltweiten Pandemie-Situation lassen dies nicht zu. Die französischen Behörden haben keine Genehmigung zur Zusammenkunft größerer Gruppen mit internationalen Teilnehmern erteilt.
Lufthansa und Germanwings bedauern dies sehr …und wissen, wie wichtig der Jahrestag für Sie, liebe Angehörige, ist. Wir möchten Sie daher zu einem gemeinsamen virtuellen Gottesdienst einladen …«
Diese Nachricht kam nicht überraschend, und trotzdem traf sie ins Herz. Bereits zum fünften Jahresgedenken konnten wir nicht in Le Vernet sein. Der Wunsch zum diesjährigen Gedenken nach Frankreich zu fahren, ist übermächtig geworden.
Die Unterkunft in dem kleinen Bergdorf hatten wir schon vor Monaten vorsorglich organisiert, und normalerweise dürfte uns nichts im Wege stehen – wenn, ja wenn dieses lästige Virus nicht wäre, das mit dem großen C beginnt. Die Freunde, mit denen wir vor Ort gemeinsam unserer Kinder gedenken wollten, haben abgesagt. Das ist vernünftig angesichts der aktuellen Situation. In Frankreich und Deutschland steigt die Zahl der Erkrankten rapide an. Vergleiche ich allerdings die 7-Tagesinzidenzen der Präfektur Alpes-de-Haute-Provence mit denen von Sachsen, so unterscheiden sich die Werte kaum. In Le Vernet würden wir uns viel an der frischen Luft bewegen, die Bevölkerungsdichte ist außerhalb der Saison gering, und die getroffenen Schutzmaßnahmen halten wir strikt ein. Das Auswärtige Amt hat zwar eine Reisewarnung für Frankreich ausgesprochen, was allerdings kein Verbot darstellt. Daher setzte ich mich mit Maryse, der Sekretärin des Bürgermeisters, in Verbindung, um die Lage in Le Vernet aus erster Hand zu erfahren. Sie versicherte uns, dass wir willkommen sind, und wies darauf hin, dass wir die Ausgangssperre ab 18 Uhr berücksichtigen sollten. Für uns stellt das kein Problem dar.
Da wir für Frankreich einen PCR-Test benötigen, nahmen wir am Vormittag einen Termin in der Uni-Klinik wahr. Wir gurgelten für den Test 20 Sekunden lang, das war alles. Fällt er negativ aus, werden wir morgen nach Le Vernet fahren.
Die Internetseite vom Auswärtigen Amt führte uns zu einem französischsprachigen Einreiseformular, mit dem wir »sur l`honneur« (auf Ehre) bestätigten, dass wir seit einigen Wochen gesund sind, kein Fieber haben und keine Coronasymptome aufweisen.
Mit dem Packen der Koffer vertreiben wir uns die Zeit des Wartens auf das Testergebnis. Für meinen Mann trudelt es am späten Nachmittag ein. Es ist negativ. Aber wo bleibt meins? Panik macht sich breit, da hier offensichtlich irgendetwas nicht stimmen kann. Wir haben gleichzeitig gegurgelt. Sie wird noch geschürt durch Berichte in den Medien, dass die Pressekonferenz anlässlich der Pandemie, die der französische Präsident Macron für den Abend angesetzt hat, um eine Stunde verschoben wird, was wir als negatives Signal deuten. Hoffentlich kündigt er keine weitreichendere Schutzmaßnahmen an, die unsere Reise kippen könnten.
Ich telefoniere mit der Uniklinik, um zu erfahren, wo mein Testergebnis bleibt. Ich bin ziemlich aufgeregt. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen meldet sich eine nette Stimme. Von ihr höre ich, dass es soeben abgeschickt worden sei. Ein Blick ins Internet bestätigt, dass es endlich eingetroffen ist. Ich bin erleichtert. Auch bei mir konnte kein Virus nachgewiesen werden. Diese Hürde ist genommen.
Abends sitzen vor dem Fernseher, um uns mit dem letzten Teil eines Krimis (»Die Toten von Marlow«) zu zerstreuen, als die Meldung über das Ergebnis der französischen Pressekonferenz bekannt wird. Die Corona-Maßnahmen sollen verschärft werden. Die deutschen Nachrichten fallen dürftig aus. Aus anderen Quellen erfahren wir, dass sechzehn Départements betroffen sind. Leider werden nur drei davon benannt. Alpes-de-Hautes-Provence ist nicht dabei. Allerdings könnte es sich unter den restlichen vierzehn befinden. Wie sollen wir uns nur entscheiden? Wir wollten morgen in aller Frühe aufbrechen. Ich setze mich mit Gilles und Hervé in Verbindung, die prompt antworten. Wir sind erleichtert, dass für die Region keine Gefahr besteht, im Gegenteil die Ausgangssperre wurde auf 19 Uhr verschoben. Es ist gut, Freunde in Le Vernet zu haben. So steht der morgigen Reise nichts mehr im Wege.
Wir wenden uns erneut dem Krimi zu. Er lenkt tatsächlich von den Turbulenzen des Tages ab. Doch sein Ende wühlt mich vollkommen auf. Die Handlung hat bereits angedeutet, dass der Kommissarin in der Vergangenheit Schlimmes widerfuhr. Als sie sich endlich outet, dass sie zwei Kinder und ihren Mann durch einen Flugzeugabsturz verloren hat, weil der lebensmüde Pilot die Maschine samt Insassen an einen Berg setzte, wird mir mulmig. Sie spricht von Rachegedanken, die sie niemals verwirklichen kann, da der Verursacher nicht mehr lebt . . . Um meine wiedergewonnene Ruhe ist es geschehen.
Dass gerade am Vorabend der Reise nach Le Vernet, die unter den erschwerenden Bedingungen der Pandemie stattfindet, in einem Krimi Bezug auf die Katastrophe genommen wird, ist eine der Merkwürdigkeiten, die uns seit dem Tod von Jens öfters verfolgen.
© Brigitte Voß
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