Das Virus hat nicht nur die Körper der Menschen geschädigt oder gar getötet, es hat auch ihre Gefühle durcheinandergebracht. Alles, was bisher als normal galt, wird auf den Kopf gestellt, sogar die Trauer um einen geliebten Menschen. Die eingeschränkten Möglichkeiten für Beerdigungen und private Trauerfeiern sind für die meisten Betroffenen eine große Belastung. Die Verantwortlichen haben strenge Regeln erlassen, die sich von Bundesland zu Bundesland in Deutschland unterscheiden.
Die Teilnehmerzahl bei Beisetzungen und Gedenkfeiern ist erheblich reduziert. Oftmals ist nur eine begrenzte Anzahl enger Familienmitglieder oder naher Freunde zugelassen, was dazu führt, dass viele Menschen von der Trauerfeier ausgeschlossen sind. Angehörige, Freunde, Bekannte und Kollegen können nicht in gewohnter Weise von einem Verstorbenen Abschiednehmen. Eine solche Situation kann belasten und zu verstärkter Trauer, Wut und Frustration führen.
Mitunter ist es nicht einmal möglich, eine Trauerfeier abzuhalten. Ein krasser Fall ereignete sich in meiner Heimatstadt. Fehl- oder totgeborene Kinder (Geburtsgewicht weniger als 500 g) dürfen in Sachsen bestattet werden, sind jedoch nicht bestattungspflichtig. Um sie kümmert sich eine Arbeitsgruppe namens »Schmetterlingskinder«. Sie organisiert für die kleinen Verstorbenen würdige Beerdigungen und Gedenkfeiern. Aufgrund der Pandemie musste die Beisetzung von mehr als 50 dieser Schmetterlingskinder ohne die Anwesenheit der Eltern stattfinden. An der kleinen Grabstätte konnten die Abstandsregeln zum Schutz vor Covid-19 unter den 50 betroffenen Elternpaaren nicht eingehalten werden.
Natürlich war dies ein zusätzlicher Schlag für die trauernden Eltern. Sie hatten sich auf ihr Kind gefreut, alles für den neuen Erdenbürger vorbereitet sowie Träume und Vorstellungen im Kopf gehabt. Doch es kommt tot auf die Welt … Und dann dürfen sie es nicht einmal ans Grab begleiten, wie sie es sich gewünscht hätten. Das ist besonders hart. Für mich ist es unverständlich, weil zur gleichen Zeit eine Querdenker-Demo gegen Corona stattfand, die offiziell zugelassen wurde. Zehntausende dicht gedrängter Teilnehmer zogen meist ohne Mund-Nasenschutz durch die Straßen Leipzigs. Die Großdemo geriet aus den Fugen, die Polizei war machtlos und sah der eskalierenden Gewalt zu …
Wie viele liebevolle Umarmungen habe ich erfahren, als unser Jens starb. Manchmal wurden dabei tröstende Worte ins Ohr gesprochen, manchmal wurde einfach nur geschwiegen. Die menschliche Wärme, die in diesen Gesten lag, tat mir gut. Die Nähe zu Familie und Freunden milderte den Schock über den plötzlichen und gewaltsamen Tod unseres Sohnes. Unter den Bedingungen von Corona sind Kontaktbeschränkungen und das Tragen von Masken in den Vordergrund gerückt. Ich frage mich, was das mit einem Trauernden macht. Kann man unter solchen Umständen noch Trost und Unterstützung finden? Ich fürchte, ich würde mich alleingelassen fühlen.
Eine Meldung verbreitete sich in den Medien: Die Mutter von Jürgen Klopp, dem bekannten deutschen Trainer des 1. FC Liverpool, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Selbst er darf aufgrund der Corona-Einschränkungen nicht in Deutschland einreisen, um an dem Begräbnis teilzunehmen. Sicherlich ist das hart für ihn. Er plant, zu geänderten Zeiten »eine wundervolle, ihr entsprechende Gedenkfeier« abzuhalten.
Es gibt Hinterbliebene, die aus Furcht vor Anfeindungen die Todesursache Corona verschweigen und damit schützen wollen. Sie sehen sich Vorwürfen ausgesetzt, was sie falsch gemacht hätten. Oder sie bekommen zu hören, dass der Dahingeschiedene ohnehin alt war und bald gestorben wäre.
Die Pandemie verhindert, dass die verstorbenen Lieben über Beerdigungen und Trauerfeiern gemeinsam mit anderen Betroffenen würdevoll verabschiedet und geehrt werden können. Übliche Trauerrituale und Traditionen sind oft nicht möglich, was die Trauerverarbeitung erschwert. Kein Glockenläuten, keine Gottesdienste. Irgendetwas »Unvollständiges« bleibt zurück. Isolation und Einsamkeit verschlimmern den Schmerz und können seelisch krank machen.
Livestreams und Erinnerungsvideos sind dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
© Brigitte Voß
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