16.12.2020, Mittwoch – ein harter Lockdown

Vor einigen Tagen wurde der sogenannten »Lockdown light«, der seit Anfang November in Deutschland gilt, durch einen »harten Lockdown« ersetzt. Von einem »Lockdown hard« spricht unlogischerweise niemand. Die Sprachen werden genauso bunt durcheinandergewirbelt, wie die Meinungen der Menschen hinsichtlich der von der Regierung auferlegten Beschränkungen. Viele können offensichtlich nur schwer mit den Einschränkungen umgehen. Skurrile Verschwörungstheorien machen die Runde. Das Virus hat uns fest im Griff, doch dasselbe kann man nicht über die Einheit zwischen Politikern und Bürgern sagen. Mal werden die Maßnahmen gelockert, um anschließend drastisch zurückgeschraubt zu werden. Die Psyche der Menschen ist überfordert, Erfahrungen im Umgang mit Covid-19 fehlen.
Uns mangelt es an Ablenkungen von der Trauer. Reisen mussten abgesagt werden, und ich bange um das Jahresgedenken im nächsten Jahr. Die Sportstätten haben geschlossen. Jens wäre es schwergefallen, in der kalten Jahreszeit nicht schwimmen gehen zu dürfen oder nicht in seiner Triathlongruppe aktiv sein zu können. Es war ihm wichtig, seine Sportfreunde zu sehen, Spaß an der Bewegung zu haben, sich gegenseitig zu motivieren und zu messen. War er früher aufgrund von Verletzungen außer Gefecht gesetzt, fühlte er sich fassungslos, verzweifelt und am Boden zerstört.
Wir sind froh, dass die betagten Senioren in der Familie, wie unsere Eltern, diese Zustände nicht mehr erleben müssen, weil sie verstorben sind.
Lufthansa kündigt bis Ende des Jahres 29.000 Mitarbeitern – trotz Milliardenhilfen vom Staat. Im folgenden Jahr sollen weitere 10.000 Stellen eingespart werden. Der Konzern schiebt diese Maßnahme auf Corona. Es stimmt zwar, dass derzeit viele Maschinen am Boden bleiben, aber dem Virus die alleinige Schuld für die unglaubliche Anzahl an Entlassungen trotz des gewaltigen Kredits in die Schuhe zu schieben, wirkt unglaubhaft. Doch mit der Übernahme von Verantwortung und dem Eingeständnis von Fehlern hat die Fluglinie so ihre Probleme, wie man am Beispiel von Flug 4U9525 sehen kann. Außerdem zeigen die Massenentlassungen deutlich, dass ihre Prioritäten bei den eigenen Gewinnen liegen. Überdies wird sie ihre Hilfsangebote für die Opfer-Angehörigen reduzieren, was die eben genannte Behauptung untermauert.
Uns erreicht uns folgende Nachricht:
»In dieser schwierigen Pandemie mir ihren gravierenden Folgen für den Luftverkehr und der damit verbundenen Kurzarbeit im Konzern müssen wir leider die telefonische Erreichbarkeit der Post Emergency Organization ab Ende 2020 einstellen.«
Covid-19 arbeitet für die Lufthansa. Das zeigt sich ebenso in den neuen Reiseregelungen für die hinterbliebenen Familien nach Le Vernet. Dieses Jahr hätten wir so oft dorthin fliegen können, wie wir es gewünscht hätten, doch das Virus macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ab nächstem Jahr dürfen wir mit Unterstützung des Konzerns nur zweimal den Ort in den Bergen besuchen. Wie geplant wird der Hilfsfonds Ende Dezember eingestellt. Das verbleibende Geld wird zukünftig nicht mehr für einzelne Projekte zum Gedenken an die Opfer der Katastrophe verwendet, sondern zur Finanzierung einer der zwei Reisen (für die andere kommt der Konzern auf), bis es aufgebraucht ist. Die geschätzte Laufzeit beträgt etwa fünf Jahre.
Somit profitieren von dem auslaufenden Betrag alle Familien, sofern es ihnen möglich ist, unter den von Lufthansa gestellten Bedingungen zu reisen, wie beispielsweise die Auswahl des Hotels, die Anzahl der Übernachtungen und dergleichen.
Der harte Lockdown trifft Deutschland schwer. Die Menschen sind überfordert, die Wirtschaft leidet. Die staatliche Milliardenhilfe an die Lufthansa ist dabei die pure Ausnahme. Dennoch sehe ich mich mit den Einschränkungen der Hilfsangebote der des Unternehmens konfrontiert. Auch unter Corona dreht sich die Erde weiter. Die Trauer um unseren Jens bleibt bestehen.
© Brigitte Voß


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