Seit Anfang November befinden wir uns in einem zweiten Lockdown, dem sogenannten Lockdown light. Im Herbst erreichten die Infektionswerte in Deutschland Höchstwerte. Die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen sollen helfen, die Infektionszahlen vor Weihnachten deutlich zu verringern.
Hoffentlich können wir nächstes Jahr wieder nach Le Vernet fahren, vor allem zum Jahresgedenken im März.
Umso schöner ist es, dass Freunde aus dem Bergdorf an uns denken. Sie schreiben uns folgende Nachricht und senden ein Foto (Wiedergabe in deutscher Sprache):
»Hallo Brigitte, ich denke an euch und ich weiß, dass ihr wegen COVID-19 nicht reisen könnt, wir haben den Friedhof zu Allerheiligen zu geschmückt, ich hoffe, dass bei euch alles in Ordnung ist.«
Vor Kurzem haben wir einen Film gesehen, dessen Ende mich bis heute beeindruckt. Die betreffende Szene ist nicht einmal lang, und trotzdem hat sie es für mich in sich.
»Upgrade« ist ein australisch-amerikanischer Spielfilm von 2018 zum Thema künstliche Intelligenz (KI). Er spielt in der nahen Zukunft. Der Hauptdarsteller, Trace, verliert bei einem Unfall in einem KI-gesteuerten Auto seine Frau. Später stellt sich heraus, dass es ein Anschlag war, bei dem sie ermordet wurde. Er selbst bleibt querschnittsgelähmt zurück. Ihm wird ein Chip im Nacken eingebaut, sodass er sich durch KI wieder bewegen kann. Allerdings ergreift die KI allmählich Besitz von seinem Körper und übernimmt in der realen Welt die absolute Kontrolle über ihn. Gleichzeitig versetzt sie Trace in eine Traumwelt, in der er im Krankenhaus vollkommen gesund aufwacht. Seine Frau sitzt neben dem Bett und erzählt ihm, dass sie beide einen Unfall hatten, und er mehrere Tage im Koma lag. In diesem Fake-Dasein führt Trace ein glückliches Leben mit seiner Partnerin. (Zwischendurch rollt eine Handlung ab, die für den Blogbeitrag unwesentlich ist).
Nun stelle ich mir vor, in einer Traumwelt zu wandeln, in der Jens noch lebt. Die Vorstellung, sein Lachen und seine Stimme wieder zu erleben, seinen Atem zu spüren und ihn zu umarmen, obwohl er in Wirklichkeit nicht mehr existiert, fasziniert mich. Vielleicht säßen wir wie früher in unserer Wohnung, unterhielten uns miteinander, und ich könnte ihn über Begebenheiten seines Lebens fragen, die ich nicht richtig verstanden oder nie mit ihm erörtert habe. Allerdings hat wohl jeder Geheimnisse, die er nicht unbedingt preisgeben möchte.
Mit Sicherheit würde ich mich angemessen von ihm verabschieden. Dies könnte mir helfen, mit dem schmerzlichen Verlust und meiner Trauer besser zurechtzukommen. Ich könnte eine Form der emotionalen Heilung erfahren, mich ein wenig erholen oder neue Energien tanken.
Dennoch bin ich skeptisch. Obwohl das reale Leben sowohl im privaten als auch im gesellschaftlichen Bereich voller Konflikte steckt, die einen fortwährenden Kampf bedeuten, möchte ich mich nicht auf die Dauer in einer KI-Welt aufhalten, die all meinen Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Man könnte argumentieren, dass mir das nicht bewusst wäre, aber aus der aktuellen Perspektive heraus, bevorzuge ich ein Dasein in der Realität. Der Mensch ist wohl nicht für eine Friede-Freude-Eierkuchenwelt geschaffen. Er muss kämpfen, um sich weiterzuentwickeln. Die Frage bleibt, warum manche ein schwereres Los tragen müssen als der andere.
Es ist denkbar, dass solche erzeugte Fantasien, für Personen mit posttraumatischen Belastungsstörungen im Beisein eines guten Psychotherapeuten hilfreich sein könnten. Sie würden sich in einer sicheren Umgebung wiederfinden, was ihnen nützen könnte, ihr Trauma zu verarbeiten und zu überwinden.
Trotzdem … , die Idee, Menschen in eine Traumwelt zu versetzen ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite könnte sie Betroffenen helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen und ihr Leben zu verbessern. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass man vor der Wirklichkeit flieht oder sich von ihr abschottet, weil man nach einer Welt, in der alles auf einen zugeschnitten ist, süchtig werden kann. Soziale Kontakte könnten vernachlässigt werden, wenn die virtuellen Beziehungen als befriedigender empfunden werden. In der Realität bleibt der geliebte Verstorbene jedoch tot. Derartige Traumwelten verzerren das wahre Leben. Ich möchte mich nicht in einer Scheinwelt verlieren und mich von der realen Welt entfremden. Für die psychische Gesundheit ist es besser, sich den Konflikten, dem Leid, der Trauer, usw. zu stellen und ihnen nicht zu entfliehen. Der Umgang mit der Wirklichkeit könnte sich schwieriger gestalten.
Je länger ich über künstlich erzeugte Traumlandschaften nachdenke, in denen man mit dem geliebten Verstorbenen wieder zusammen sein kann, desto mehr befürchte ich, dass sie unser Verständnis von Leben und Tod verändern würden. Ob dies moralisch vertretbar ist, sei dahingestellt.
© Brigitte Voß
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