Unser Urlaub an der Nordsee ist leider beendet, und wir sind wohlbehalten zu Hause angekommen.
Nach der Auspackerei setze ich mich auf die Couch, um auszuruhen. Durch meine Bewegung stellt sich unser elektronischer Bilderrahmen an. Das erste Foto, das auftaucht, kenne ich nicht, oder ich habe es vor ewigen Zeiten einmal gesehen, aber wieder vergessen. Es zeigt Jens und sein Bruder mit dem Fahrrad am Watt aus dem Urlaub, den wir vor etwa 20 Jahren gemeinsam mit den Kindern verbrachten. Aus exakt dieser Gegend sind wir heute zurückgekehrt. Ist das ein Zufall? Ich beschließe für mich: NEIN. Begründung: Es sind 4000 Fotos gespeichert, die Bildabfolge ist auf »zufällige Wiedergabe« eingestellt. Und trotzdem erscheint genau dieses Bild, dazu noch als erstes.
Seit unserer Rückkehr ereignen sich innerhalb einer Woche Dinge, die uns in Erstauen versetzen. Ist Jens anwesend? Es ist wie mit den Schmetterlingen, die wir auf unsere Weise deuten.
Ein weiteres Beispiel: Ich lese das Taschenbuch »Retour au Vernet« von Nicolas Balique ein zweites Mal. Es hat lange gedauert, ehe ich erneut zu dem Buch gegriffen habe, da es von dem Flugzeugabsturz handelt, bei dem Jens sterben musste. Eine Hemmschwelle ist vorhanden, mich dem Schrecklichen auszusetzen. So ergeht es mir mit jeglicher Lektüre, die sich mit dem Thema befasst. Ich bin zwar neugierig und beginne zu lesen, doch nach kurzer Zeit lege ich eine Pause ein, die ewig dauern kann. Ich befürchte, dass mich die Katastrophe verschluckt, und ich erneut depressiven Stimmungen nachhänge.
Allerdings weiß ich von Angehörigen, die das besagte Büchlein bereits ein drittes Mal gelesen haben. Sie behaupten, sie würden sich den Inhalt intensiver vorstellen können, da sie durch ihre Besuche, dass Bergdorf besser kennengelernt haben. Sie haben recht, auch für mich ist der Text durch das wiederholte Lesen bildhafter geworden, da ich die im Buch genannten Örtlichkeiten inzwischen kenne. Lediglich das erwähnte Hotel Auzet ist mir unbekannt. Gestern habe ich mein Mann gefragt, und wir haben erfolglose Vermutungen angestellt. Ausgerechnet am selben Abend wurde mir in einer Le-Vernet-Gruppe eines sozialen Netzwerkes die Lösung in Form einer Ansichtskarte präsentiert, die ein Haus zeigt und in großen Lettern dessen Beschreibung Hôtel Auzet dazu liefert. Es handelt sich um das jetzige Bistro.
Für den Unbeteiligten mag dies vielleicht nicht so wichtig erscheinen. Ich stelle eine spezielle Frage, und am Abend liegt die Antwort ohne eigene Recherchen klar vor Augen. Früher hätte ich gesagt: ›das ist Zufall‹. Jetzt behaupte ich, es könnte etwas anderes gewesen sein. Oder hat sich meine Wahrnehmung geändert? Sehe ich das, was ich gern möchte? Egal, was die Ursache ist. Jens schickt uns Zeichen. Sie helfen, mit dem schmerzhaften Verlust umzugehen.
Die dritte Begebenheit, die sich am Ende der betrachteten Woche zuträgt: Wir betreuen unsere Enkelin. Die Zeit vergeht wie im Flug. Sie kommt strahlend aus dem Bad und hält mir ihren Milchzahn vor Augen, der endlich herausgefallen war. Sie ist stolz, und wir freuen uns mit ihr. Belustigt lasse ich mir ihre Zahnlücke zeigen. »Sie sieht aus wie eine kleine Hexe«, denke ich liebevoll.
Am Abend sind wir wieder allein und entspannen uns mit einem Fernsehkrimi. Durch meine unbewusste Bewegung auf der Couch, wird der elektronische Bilderrahmen aktiviert. Was sehe ich? Jens im ähnlichen Alter wie Sassa. Er lacht und präsentiert dabei seine Zahnlücke. Mit dem Spalt in der Zahnreihe sieht er genau so lustig wie unsere Enkelin aus. Auf dem Gerät sind nach wie vor 4000 Bilder gespeichert, die nach dem Zufallsprinzip wiedergegeben werden.
Ist es normal, dass sich für diese kurze Zeitspanne derartige Vorkommnisse häufen? Ist es nicht so, als würde Jens mit uns kommunizieren? Mein Mann und ich sind überzeugt davon. Wir sehen in den scheinbaren Zufällen eine tiefere Bedeutung, die uns hilft, die Traurigkeit leichter zu ertragen.
Andere Menschen würden solche Zusammenhänge eher als kurios abtun, als dass sie sie ernst nähmen. Wir ziehen daraus Trost und Hoffnung – ohne dass wir dabei geisteskrank wären. Sie erinnern uns daran, dass das Leben trotz des grausamen Todes von Jens weitergeht und offenbar noch positive Überraschungen für uns bereithält.
© Brigitte Voß
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