13.10.2020 Dienstag – ein erinnerungsträchtiger Tag

°ZWEIHUNDERTNEUNZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Nach dem Fall der Mauer erlebten wir zum ersten Mal die Nordsee. Unsere Söhne begleiteten uns, und wir unternahmen zahlreiche Radtouren. In meiner Familie, die außer mir aus drei Männern bestand, fiel es mir schwer, mich durchzusetzen. Sie hatten immer Lust, etwas zu unternehmen, während ich Ruhepausen benötigte. Ich konnte mich nicht durchsetzen, aber ich wollte mit Mann und Kindern zusammen sein, also biss ich in den sauren Apfel. Im Nachhinein bin ich froh darüber.
Derzeit verbringen wir unseren Urlaub ein zweites Mal in dieser Gegend. Wir sind nicht gerade jünger geworden. Im Gegensatz zu früher freut sich mein Mann sogar über Ruhetage. Und heute legen wir einen solchen ein. Die geplante Tour führt uns zum Beltringharder Koog zur Badestelle Lüttmoorsiel. Wir spazieren am Deich entlang Richtung Hamburger Hallig. Früher sind wir mit den Rädern und den Kindern dieselbe Strecke gefahren. Ich erinnere mich noch gut daran, da nach der Wende die grünen Strände der Nordsee, Ebbe und Flut sowie die Wattlandschaft tiefe Spuren in mir hinterließ. Bis dahin kannte ich nur die liebliche Ostsee mit ihren endlosen Sandstränden. Seitdem unser Sohn umgebracht wurde, liebe ich die raue Natur um so mehr. Sie passt besser zu mir.
Rund 20 Jahre später tauchen viele Erinnerungen an den glücklichen Urlaub auf, allerdings auch die Traurigkeit. Jens wurde uns genommen. Er wird nie wieder zurückkommen. Diese Endgültigkeit begleitet uns für den Rest des Lebens. Mein Herz wird schwer. Es ist, als ob mich unüberwindbare Mauern von allen Seiten einschränken. Innerhalb dieser Sperren drehe ich wie ein Hamster am Rad. Der Tod von Jens hält mich gefangen. Damit bekommt der Spruch »Leben und Tod liegen eng beieinander« eine andere Bedeutung.
Ich atme tief aus und ein. Das Klopfen in den Ohren verschwindet. Die Lahnungen recken sich dem Meer entgegen, als wollten sie das Wasser zurückholen, das sich weit zurückgezogen hat. Es ist Ebbe. Ich genieße den Geruch des Meeres sowie das Licht, das die Sonne aus einem tiefblauen Himmel zu uns herab sendet. Selbst die Natur lacht, und die Locken der Schafe strahlen. Sie schaukeln freundlich im ewigen Wind. Ich verscheuche die dunklen Gedanken. Das Leben ist zerbrechlich. Ich sollte es schätzen und mich daran erfreuen.
Plötzlich flattert ein farbenfroher Schmetterling neben uns her. Ich bin erstaunt darüber, was er hier am Watt zu suchen hat. Seine Musterung lässt vermuten, dass es sich um ein Pfauenauge handelt. Er setzt sich auf einen Stein, und wir bewundern seine prächtigen, bunten Flügel. Er schlägt sie nicht zusammen, wie man es oft sehen kann. Mittlerweile tauchen noch zwei seiner Artgenossen auf. Sie begleiten uns, während wir den Spaziergang fortsetzen. Beobachten sie uns? Einer landet auf meiner Jeans und bleibt. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, denn es fühlt sich so an, als hätte Jens ihn geschickt, um uns zu trösten. Er sendet ihn als Boten, damit wir wissen, dass er in einer anderen Form weiterexistiert, dass es ihm gut geht, und er seinen Frieden gefunden hat. Er ist mit uns verbunden, auch mit dem Ort, an dem wir uns gerade befinden. Die Farbenpracht der Schmetterlinge teilt uns mit, dass er unsere Erinnerungen schön findet. Er und sein Bruder haben den ersten Urlaub an der Nordsee sehr genossen.
Jens möchte uns nicht allein lassen, davon bin ich überzeugt.
© Brigitte Voß


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2 Gedanken zu “13.10.2020 Dienstag – ein erinnerungsträchtiger Tag”

  1. Wie immer… von dir ein besinnlicher Bericht. Deine Gedanken zum Schmetterling teile ich voll und ganz. Ich hatte auch schon solche Begegnungen. Nur… die Nordsee mag ich gar nicht… zu rau !!! Liebe Grüße euch Beiden

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