Als wir aus dem Gedenkraum kommen, begegnen wir Philippe, dem letzten Mitarbeiter des örtlichen Lufthansa-Büros. Er kümmert sich um alle Belange und hat stets ein offenes Ohr für uns. Er befürchtet, dass er von Lufthansa jederzeit entlassen werden könnte. Der nette Gärtner Serge ist es bereits. Auch die Leiterin der Angehörigenbetreuung, die von der Lufthansa eingesetzt wurde, befindet sich in Kurzarbeit.
Vermutlich werden Einheimische beauftragt, sich um die Gedenkstätten in Le Vernet zu kümmern.
Wie soll das nur alles weiter gehen?
Der Rasen auf dem Friedhof wurde zwar gemäht, doch es gibt Hinterbliebene, die sich am Unkraut vor dem Grab und der Stele stören. Sie hatten sich nach ihrem vergangenen Besuch bei der Lufthansa beschwert, allerdings ist nichts geschehen. Für meinen Mann und mich ist das nicht so wichtig. Aber wenn nur einem der Angehörigen etwas stört, sollte es geändert werden.
Hoffentlich geht nicht alles den Bach hinunter.
Philippe berichtet, dass Lufthansa das fünfte Jahresgedenken komplett organisiert hatte. Das Virus hatte jedoch allen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir wären zu dieser Zeit so gern nach Le Vernet gereist.
Cristiana kommt auf uns zu. Sie macht uns auf Angehörige aufmerksam. Es sind Katalanen, die in der Nähe der Pyrenäen zu Hause sind. Sie stellt uns gegenseitig vor. Später erscheint Hervé mit dem frommen Wunsch, zu übersetzen, doch unser Sprachmix aus Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch warf ihn vollkommen aus der Spur.
Trotzdem wissen wir jetzt, dass sie ihre Tochter Mireia Serrat im Erwachsenenalter verloren haben. Wir zeigen uns Fotos unserer Kinder. Das gegenseitige Interesse ist groß. Der Vater hat eine Verletzung am Knie und kann deshalb nicht Auto fahren. Daher sind sie für eine Tagesreise von ihrem Zuhause aus mit dem Taxi nach Le Vernet gekommen. Sie sind früh losgefahren und kehren am heutigen Abend wieder zurück.
Während unseres Aufenthaltes kommen wir manchmal mit Einheimischen ins Gespräch. Es ist gut, die eigenen Französischkenntnisse zu testen. Dabei lernen wir die Verhältnisse im Ort näher kennen:
Monsieur Balique ist bei der diesjährigen Wahl erneut als Bürgermeister hervorgegangen. Ein Freund von uns ist davon wenig begeistert und meint dazu: »Louis XVI. haben wir geköpft, aber die Bürgermeister regieren in Frankreich meist 40 Jahre und länger.«
Wir sind ebenfalls mit einem seiner Gegenkandidaten bekannt. Derzeit hält sich der frisch gewählte Bürgermeister mit seiner Frau Joëlle im Ort auf. Beide haben sich unmittelbar nach der Katastrophe vor Ort um uns Angehörige gekümmert. Sie kennen uns und sind bei Begegnungen immer zu einem kleinen Gespräch bereit.
Wir sprechen mit allen, egal, auf welcher Seite sie stehen, da wir von ihnen offen und freundlich empfangen werden. Wir halten uns aus all dem heraus. Allerdings sind derartige Informationen nützlich. Sie helfen, Bewohner richtiger einzuschätzen und ihre Beziehungen untereinander besser zu verstehen.
Auf unserem Weg zum Friedhof treffen wir oft Joëlle auf einem der Freisitze vor dem Bistro an.
Offensichtlich liebt sie es, mit Menschen zusammen zu sein. Stets findet man sie in eine Diskussion vertieft. Nähern wir uns dem Tisch, höre ich sie noch rasch sagen: »Das sind die Deutschen.«
Hin und wieder werden wir von den Insassen vorbeifahrender Autos gegrüßt, ohne sie zu kennen. Wir spüren, dass wir mit den Jahren im Ort auffallen. Wahrscheinlich liegt es an den häufigen Besuchen.
Zum Abendessen suchen wir das Restaurant von J. J. auf. Er stellt sich an den Tisch, um mit uns zu plaudern. Im Gegensatz zu den ersten vierzehn Tagen unseres Aufenthaltes hat er jetzt Zeit. Anfang September beginnt auch hier die Schule. Ihm war nicht bekannt, dass Deutschland die Region, in der Le Vernet liegt, zum Risikogebiet erklärt hat. Wir müssen uns nach der Heimreise in Quarantäne begeben und testen lassen.
An der Theke/Bar gießt uns J. J. zum Abschied einen Extraschnaps ein. Morgen fahren wir nach Hause.
Neben mir steht ein Herr mit markanten Gesichtszügen und wirren schwarzen Haaren. Er kommt mir bekannt vor. Mein Mann flüstert mir zu, dass es der Korse sein könnte, den wir während eines früheren Aufenthaltes in Le Vernet kennengelernt hatten. Gleich darauf höre ich ein fragendes »Brigitte?«, dem ein »Amadeus?« folgt. So hatte er meinen Mann damals genannt, indem er seinen Namen Wolfgang mit Amadeus kombinierte, in Anspielung auf Mozart. Freudig plaudern wir miteinander. Zum Abschied sagt er, dass wir bei unserem nächsten Besuch seinen Freund, den Koch des Restaurants, fragen sollen, ob er im Ort ist. Normalerweise hält er sich in Korsika auf und besucht Le Vernet in den Ferien. Wenn das der Fall ist, können wir gern bei ihm vorbeischauen, um zusammen Kaffee zu trinken.
© Brigitte Voß
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