30.08.2020, Sonnabend – die Franzosen und Corona

Auch in Le Vernet galt, wie überall in Frankreich, eine strenge Ausgangssperre.
In dem kleinen Ort kennt nahezu jeder jeden, und nicht alle sind sich wohlgesinnt.
Manche Leute hielten Ausschau, dass niemand das Haus verließ. In einem krassen Fall wurde der Bürgermeister informiert. Der wiederum befand sich zu diesem Zeitpunkt in Paris und rief von dort aus den Unfolgsamen, den wir zufällig genauer kennen, an, um ihn  zurechtzuweisen.
Über die Berge flogen Hubschrauber hinweg, um zu kontrollieren, dass sich ja kein Wanderer in der frischen Gebirgsluft ansteckte. Umso mehr atmen die Menschen nach dieser Zeit auf.
Vermutlich gibt es auch aus Deutschland ähnlich bizarre Geschichten zu erzählen.

Bei unserer Ankunft in Le Vernet werden wir herzlich begrüßt. Hervé und Cristiana empfangen uns mit den in Frankreich üblichen Küsschen links und rechts auf die Wange. Das erfolgt zwei- oder auch dreimal. Ich bin bis jetzt nicht dahinter gestiegen, wie sich das mit der Anzahl verhält. In Paris sind es angeblich zwei, für Le Vernet bleibt es mir ein Rätsel. Trotz der Pandemie gehört für die beiden das »Faire la Bise« dazu. Wir freuen uns so sehr über unser Wiedersehen, dass ich es nicht übers Herz bringe, sie zurückzuweisen. So etwas funktioniert einfach nicht, wenn viele Gefühle mitschwingen.

Oft kaufen wir im Intermarché ein. Von Abstand keine Spur. Weder in den Einkaufsgängen noch an der Kasse. An gewissen Schwerpunkten drängen sich die Kunden und halten sich nicht an die Abstandsregeln, die ebenfalls in unserem Gastland existieren. Der Supermarkt ist durchweg überfüllt, was wohl ein Dauerzustand zu werden droht, da ein anderer Discounter in der Nähe seine Pforten für immer geschlossen hat. Die Angestellten tragen zwar die vorgeschriebenen Masken, jedoch nicht alle Kunden. In Frankreich ist das erst seit Kurzem Pflicht.

Zu Beginn unseres Aufenthalts in Le Vernet sind die Restaurants ungewohnt leer, da sie später als in Deutschland wiedereröffnet wurden. Doch das ändert sich rasch.
In den Gaststätten gelten die gleichen Regeln wie in unserer Heimat. Beim Betreten des Lokals sowie beim Gang zur Toilette sind Masken obligatorisch, auch für das Personal. An den Tischen dürfen sie abgenommen werden.
Allerdings werden die Vorschriften nicht konsequent befolgt, was offensichtlich niemanden kümmert. Zwar betreten die meisten Gäste das Restaurant mit dem Mund-Nasen-Schutz, und am Eingang steht Desinfektionsmittel bereit, doch danach geht es ungezwungen weiter. An den Bars drängen sich die Menschen ohne jeglichen Maskenschutz und diskutieren über Gott und die Welt, als gäbe es die Krankheit Corona nicht. Pflichtbewussten Deutschen würden bei diesem Anblick wohl die Haare zu Berge stehen.
Auf dem Weg zum Friedhof ruft uns Vincent ein freundliches »Ca va?« entgegen, und seine Frau kommt auf uns zu. Sie kocht für die Gäste des Bistros, während er bedient und gerne zu einem Schwätzchen bereit ist. Sie begrüßt mich mit einem Küsschen und freut sich aufrichtig, uns nach dem langen Lockdown zu sehen. Sie ist so herzlich, und wieder einmal schaffe ich es nicht, wegen des Virus Abstand zu halten. Ich kann nur hoffen, dass mich die Krankheit verschont. Sie möchte wissen, wie wir den Geburtstag von Jens in Le Vernet verbracht haben. Wir erzählen von der Absturzstelle, und sie zeigt viel Mitgefühl.
Er trägt keine Maske, auch gestern nicht, als er bedient hat, was wir durch die große Glasscheibe gesehen haben. Er berichtet weiter, dass die Gäste aufgrund des nassen Wetters in dem Raum dicht an dicht an den Tischen gesessen haben. Er hat Angst, sich anzustecken. Zahlreiche Fremde kommen, um bei ihm zu speisen. Sie verbringen in der Region ihren Urlaub oder sind auf der Durchreise.
Für J. J. in der Mühle ist es ebenfalls nicht einfach. Die Gaststätte liegt an einer befahrenen Landstraße, sodass sie die Reisenden zu einer Rast einlädt.

Auch in Le Vernet tummeln sich die Menschen wie jedes Jahr in den Schulferien. Dennoch ist es ungewohnt belebt. Wie in Deutschland suchen sich die Franzosen ihre Urlaubsziele aufgrund von Corona im eigenen Land. Hinzu kommen die Durchreisenden, die auf dem Heimweg von Nizza, der Côte d’Azur und anderen Orten sind, und vielleicht einige Tage in der Region verbringen möchten.
Umso erstaunlicher ist es, zu hören, dass in und um Le Vernet noch kein einziger Coronafall aufgetreten sein soll.
Während die drei Wochen in Le Vernet viel zu schnell vergehen, steigen auch die Neuerkrankungen in Frankreich rapide an.
Am 22.08.2020 gab es 3602 Neuinfektionen,
am 23.08.2020                 4897
am 24.08.2020                 5600
Am 28.08 2020                7379 Neuinfektionen
Für die Regionen Île de France (mit der Hauptstadt Paris) und Provence-Alpes-Côte-d’Azur liegt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts Deutschlands vor. Die Deutschen erwägen, die Warnung auf ganz Frankreich auszudehnen. Im Gegenzug erwägt Frankreich, Einreisende aus Deutschland in eine 14-tägige Quarantäne zu schicken.
Sofort stelle ich mir vor, wie man uns in Deutschland vorerst nicht haben möchte, und wir in Le Vernet bleiben können. Mir würde das bestens zusagen.
Soweit zur Fantasie, in der Realität werden wir uns zu Hause in Quarantäne begeben müssen, da wir zu dem von der deutschen Regierung als Risikogebiet deklarierten Département Alpes-de-Haute-Provence gehören. Allerdings ist es in Regionen unterteilt. Die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, in der wir uns derzeit aufhalten, hatte gestern nur 3,6 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Es ist ein Hohn, wenn man bedenkt, dass Bayern 50 Infizierte auf 100 000 Bewohner zu verzeichnen hat.
Wir werden sehen, wie man in Deutschland mit uns verfährt, denn übermorgen treten wir die Heimfahrt an. Zu allem Unglück wird auf einem Teilstück unserer Strecke die Tour de France ausgetragen – trotz Corona.

Ausblick: Wir können die Grenzen zur Schweiz und zu Deutschland unbeschadet passieren. Niemand kontrolliert uns. Für die Schweiz gelten Frankreich oder einzelne Regionen davon nicht als Risikogebiete, sodass keine Reisewarnung ausgesprochen wird, im Gegensatz zu Deutschland.
An der A5 bei Freiburg sehen wir plötzlich ein Hinweisschild auf eine Corona-Teststation. Alles geht zügig vonstatten. Wir setzen unsere Masken auf, geben unsere SV-Karten ab und erhalten Zettel und Aufkleber. Es sind nur zwei Fahrzeuge vor uns. Dann sind wir an der Reihe: Wir streichen mit einem Wattestäbchen über den Rachen und erhalten den Hinweis, uns umgehend nach Ankunft mit dem Gesundheitsamt in Verbindung zu setzen. Wir werden aufgefordert, direkt nach Hause zu fahren, ohne Umwege.
Wenige Tage später liegt das Testergebnis vor, und es ist negativ. Bis dahin müssen wir in Quarantäne bleiben, danach unterliegen wir nicht mehr der »häuslichen Absonderung«, wie es im guten Amtsdeutsch heißt.
© Brigitte Voß


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