28.08.2020, Freitag – eine Wanderung

Gilles, seine Partnerin und ihr Hund holen uns ab. Wir wollen gemeinsam durch die Berge wandern. Wir saßen vor einigen Tagen auf der Terrasse vor dem Inattendu in gemütlicher Runde mit Hervé und anderen Dorfbewohnern zusammen. Dabei lernten wir die beiden kennen. Sie spricht ein für mich gut zu verstehendes Französisch, während er sich sogar auf Englisch verständigen kann, was in Frankreich selten vorkommt. Fremdsprachen sind für die meisten Franzosen ein Buch mit sieben Siegeln. Wir haben sein Angebot, sie auf einer Bergwanderung zu begleiten, gern angenommen. Nur befürchten wir, dass sie ein hohes Tempo anschlagen werden und uns die Strecke zu weit und schwierig sein könnte. In dieser Region wird oft vergessen, dass es Menschen gibt, die aus dem flachen Land kommen, wie wir.
Wir steigen in ihr Fahrzeug. Die Straße, die uns vor uns liegt, führt steil bergauf und ist gespickt mit Kurven. Sie ist so eng, dass das Befahren von Bussen untersagt ist. Bei Gegenverkehr kribbelt es in meinem Bauch.
Am Col du Fanget stoppt Gilles auf einem kleinen Parkplatz. Von hier aus wandern wir Richtung Négron in 1680 m Höhe. Uns bietet sich eine tolle Aussicht auf die Gebirgsketten. Weiter geht’s zum nächsten Pass, dem Col de Combaniere, wo wir uns ein wenig ausruhen.
Ich genieße bewusst die frische Bergluft, denn bald werden wir wieder zu Hause sein. Die Wochen sind leider wie im Flug vergangen. Während der Wanderung lernen wir uns näher kennen. Wir stellen fest, dass wir allesamt Rentner sind. Gilles hat auf Erdölplattformen in 40 Ländern gearbeitet. Daher kommen also seine Sprachkenntnisse.
Sie fragen nach Jens, und ich erzähle. Unser Sohn ist stets präsent, egal wo wir sind. Zum einen fühle ich, dass er irgendwie weiterlebt, und zum anderen sollen die französischen Freunde verstehen, dass es für uns normal ist, über ihn zu sprechen. Sie brauchen keine Berührungsängste zu haben.
In der Ferne sind arg dunkle Wolken unterwegs, die uns in ein Unwetter verwickeln könnten. Daher kehren wir besser um.Auf dem Rückweg führen uns Gilles und seine Partnerin über Abkürzungen. Wir queren zwei Bäche und wandern durch malerische Wiesen. Sie kennen die Richtung. Immer wieder bleibe ich stehen und betrachte die Berge. Es ist wie ein vorgezogenes Abschiednehmen. Murmeltiere machen mit schrillem Pfeifen auf sich aufmerksam. Auf einer Anhöhe sehen wir Rehe. Unberührte Natur. Wir legen eine Rast ein, um etwas zu essen. Der Hund springt vergnügt zwischen uns herum. Ruhe und Genuss.
Als wir zurück am Parkplatz sind, liegen rund 10 km hinter uns.
Die beiden laden uns zu sich ein, um das Dessert zu verspeisen, das er vergessen hatte, in seinen Rucksack zu packen.
Wir nehmen dankend an. Ihr Haus ist ein prächtiges Gebäude mit großen Glasfenstern und Blick auf den Col de Mariaud und Ubac. Das Dessert stellt sich als ein Stück Kuchen heraus. Während wir es uns mit einem Espresso schmecken lassen, teilen sie uns einen Schnaps aus, den sie scherzhaft als „Medizin gegen Corona“ bezeichnen. Da es nicht bei einem Gläschen bleibt, fällt es mir auf einmal wie Schuppen von den Augen. Der Alkohol holt Bilder der Erinnerung aus den Tiefen meines Gehirns hervor. Sie zeigen, dass Gilles und wir uns bereits begegnet sind:
Zum ersten Jahresgedenken saßen wir etwas abseits vom Trubel an einem Bach. Auf dem nahegelegenen Weg, der zum Col des Mariaud führt, stoppte ein Fahrzeug und schwere Schritte kamen auf uns zu. In den groben Schuhen steckte ein kräftiger Mann in Arbeitsklamotten. Er sprach uns auf Englisch an und bot an, uns überallhin zu fahren, wo wir wollten. Wir lehnten dankend ab, denn Lufthansa hatte alles organisiert. Unabhängig davon hatten wir keinen Wunsch. Er wies in Richtung seines Hauses. Sollten wir Hilfe brauchen, könnten wir jederzeit zu ihm kommen.
Ich erzähle von der vergangenen Begegnung. Und siehe, allmählich beginnt auch Gilles sich zu erinnern.
Es fühlt sich an, als wäre es Schicksal, als mussten wir uns kennenlernen.
Der Abschied ist herzlich, so, als gäbe es kein Corona.
Wir sind dankbar, neue Freunde gefunden zu haben.
Wir gehen zurück zu unserer Unterkunft. Dabei queren wir eine Wiese, auf der sich ein kleines Gemüsefeld befindet. Eine Vogelscheuche vertreibt ungebetene, hungrige Gäste mit Schnabel. Sie besticht durch ihre Schönheit. J. J. hat seine Kreativität an ihr ausgelassen. Das angebaute Gemüse kommt direkt vom Feld in die Küche seines Restaurants.Manchmal klopft es abends an der Tür unserer Unterkunft, die dem Restaurant angegliedert ist. J. J. steht davor und lacht. Während er erklärt: »Un cadeau« (ein Geschenk), holt er aus dem Eimer eine offensichtlich frisch geerntete Salatstaude sowie zwei Kürbisse hervor.
Wir freuen uns sehr.
© Brigitte Voß


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