20.08.2020, Donnerstag – die Hippies

Vor mir erstreckt sich ein Bauwerk, das an die Steinzeit erinnert. Die Steine, die aus dem ausgetrockneten Flussbett des Galèbre stammen, bilden einen Kreis. Darüber formen Stöcke ein ovales, lichtdurchlässiges Dach. Wozu es diente, ist mir unklar. Könnte es eine Kultstätte gewesen sein? Dennoch ist mir schnell klar, wer die Urheber sind.
Obwohl wir uns damals zu Hause in Deutschland befanden, erfuhren wir über die sozialen Netzwerke von den Ereignissen, die sich an diesem Ort abspielten. Die Einheimischen sahen sich mit einem unerwarteten Vorfall konfrontiert, der sowohl bei ihnen als auch bei uns für Aufregung sorgte. Eine Gruppe von Hippies hatte sich hier, im verlassenen Weiler Piè Fourcha, niedergelassen. Sie gehörten zur sogenannten Rainbow-Family, einer Bewegung, die ihre Wurzeln in den 1960er Jahren hat, und insbesondere nach dem Woodstock-Festival im August 1969 entstand. Sie lassen sich von der Liebe, dem Frieden, der Gemeinschaft sowie von ökologischer Nachhaltigkeit leiten. Etwa 400 Personen aus verschiedenen Teilen Europas haben sich trotz der Corona-Pandemie an diesem abgelegenen Ort versammelt und ein Lager aufgeschlagen. Wildes Camping ist in Frankreich verboten. Sie hatten keine Genehmigung.
Als ich von den Hippies erfuhr, war ich total bestürzt. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Absturzstelle, der Ort, an dem so viele Menschen auf tragische Weise ihr Leben verloren hatten. Was, wenn sie diese Stätte durch »Was-weiß-ich für Aktivitäten« entweihten? In der Fantasie sah ich den Ort des Todes von den Hippies belagert, und ich hatte Ängste, dass Drogen sie zu Handlungen verleiten könnten, die an diesem heiligen Ort fehl am Platz waren. Es war, als ob sie die Erinnerung an die Opfer verschmutzen würden. Meine Vorstellungskraft ist grenzenlos, und die Bedenken wuchsen. (Während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich, dass solche Vorkommnisse nicht eingetreten sind.)
Allerdings ereignete sich doch ein negativer Vorfall: Eine Angehörige, die durch die Katastrophe ihre Schwester verlieren musste, vermisste ein selbstangefertigtes Armband, das sie an das Gatter zur verbotenen Absturzzone befestigt hatte. Ob sie es für ihre verstorbene Verwandte angefertigt hat, oder es ihr selbst gehörte, ist mir nicht bekannt. Fakt ist, dass von dort noch nie etwas verschwunden ist. Für Hinterbliebene wiegt solch ein Fall doppelt schwer.
Bewohner von Le Vernet erzählten mir, dass sie geschockt waren. Piè Fourcha hat für sie eine besondere Bedeutung. Es ist Weideland für das Vieh der Bauern. Hinzu kommt, dass der verlassene Weiler wieder aufgebaut wird. Jedes Jahr findet ein Sommercamp mit ungefähr 20 Jugendlichen aus dem In- und Ausland statt, um die erforderlichen Arbeiten zu verrichten. Dieses Jahr konnte das Treffen wegen des bösen, großen C nicht stattfinden.
Niemand wollte die Eindringlinge haben. Sie achteten nicht auf die vorgeschriebenen Corona-Schutzmaßnahmen. Es mangelte an sanitären Anlagen – weder Toiletten, noch Waschräume waren vorhanden. Sie wuschen sich in der freien Natur. Die Anwendung von Seife nahe der Gewässer ist nicht nur umweltbelastend, sondern auch in Frankreich untersagt.
Der Bürgermeister, Monsieur Balique, begab sich ins Camp, um mit den Verantwortlichen zu sprechen. Zu seiner Überraschung musste er erfahren, dass es keine Ansprechpartner gab, auf die er zugehen und verhandeln konnte. Die Gruppe wies keinerlei Hierarchien auf, die Mitglieder machten, was sie wollten. Der Bürgermeister war angesichts dieser Situation machtlos. Obwohl er ihnen mitteilte, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht sei, weigerten sie sich, zu gehen. Das Einzige, was er tun konnte, war, darauf hinzuweisen, dass sie den Ort sauber und ordentlich hinterlassen sollten. Offensichtlich haben sie die Bitte befolgt. Sinngemäß äußerte er in einer Stellungnahme, dass er die Gendarmerie hätte einschalten können, um die Identität der einzelnen Teilnehmer feststellen zu lassen. Damit hätte man die entsprechenden Ausweisungsverfahren einleiten können, was Monate gedauert hätte. Bis dahin wären die Hippies längst abgereist.
Sie blieben ca. 4 Wochen. Glücklicherweise gab es keine Waldbrände oder Ertrunkene. Der Fluss Galèbre kann an Tagen mit Gewitter innerhalb weniger Minuten um zwei Meter ansteigen. Man glaubt es kaum, wenn das Flussbett ausgetrocknet vor einem liegt.Ich teile die Hoffnung der Einwohner der Region, dass die Hippies nicht wieder kommen. Um das zu verhindern, planen sie,  die Zufahrt mit riesigen Steinblöcken zu versperren.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar