Wir sitzen mit Freunden von Hervé und Cristiana in entspannter Atmosphäre vor dem L’Inattendu und genießen das Zusammenspiel der Berge mit dem warmen Licht des Sonnenuntergangs. Es ist immer wieder schön, anzusehen, wie die tief stehenden Sonnenstrahlen die Gebirgskette anstrahlen und sie zum Erröten bringt. Die kühle Abendluft ist Labsal, da die Hitze tagsüber unerträglich ist.
Der Verkauf des Hotels mit dazugehörigem Restaurant ist abgeschlossen. Hervé und Cristiana haben es an ein Paar verkauft, das die Geschäfte ab September übernehmen wird. Die neuen Betreiber kommen aus dem Gewerbe, im Führen von Ferienobjekten sind sie erfahren. Sie soll deutsch und englisch sprechen können, was für ausländische Gäste wie uns von Vorteil ist.
Es ist schön, zu sehen, dass Cristiana und Hervé durch den Verkauf einen gewissen Frieden gefunden haben. Sie zieht es ans Meer. Hervés Wunsch in einem kleinen Haus bei Digne Ruhe zu finden, ist greifbar. Es liegt eine Mischung aus Trauer und Erleichterung in der Luft.
Eine Katze schleicht um uns herum. Arthur spielt auf der Wiese mit Kindern aus dem Ort Fußball.
Einer der Anwesenden erzählt uns von lang anhaltenden Fehden zwischen alteingesessenen Familien der Region, die auf Geschichten beruhen, die sich vor ewigen Zeiten abgespielt haben. Das kann über 100 Jahre und länger zurückliegen.
Ein Beispiel dafür ist eine Begebenheit aus dem Ersten Weltkrieg: Die damaligen Bewohner von Piè Fourcha hatten ihren ruhigen, abgeschiedenen Ort niemals verlassen, bis sie gezwungen waren, in die Welt hinauszuziehen, um zu kämpfen. Einer von ihnen kehrte nach dem Krieg zurück und fand seine Freundin verheiratet vor. Das Ereignis würde bis heute zu Spannungen zwischen den beiden Familien führen. Wir können es kaum glauben, doch wird versichert, dass dies tatsächlich so ist.
Ein Mann kommt vorbei und ist hungrig. Er spricht mit Cristiana, die sich erweichen lässt, und ihm eine warme Mahlzeit zubereitet, obwohl wegen der Übergabe des Restaurants abends nicht mehr gekocht wird. Er ist dankbar und holt eine Flasche Wein aus seinem Auto und stellt sie auf dem Tisch. Er redet viel und schnell. Soweit ich es übersetzen kann, ist er Berufsfotograf und nimmt Porträts auf. Er breitet einige seiner Arbeitsproben aus, die uns gefallen. Er stammt aus der Bretagne. Die Sterne haben es ihm auch angetan. Er zeigt uns ansprechende Aufnahmen eines Kometen über seiner Heimatstadt Rennes, der in der ersten Augusthälfte zu sehen war, und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich verstehe deutlich die Worte: »La vie est un adventure.« Danach wendet er sich mit Appetit den Spaghetti zu, die Cristiana auf einem großen Teller vor ihm auf den Tisch stellt. Er gießt uns und sich Wein ein und lässt es sich schmecken.
»Das Leben ist ein Abenteuer«, wie wahr er doch gesprochen hat. Das Leben kann sich von einer Sekunde zur nächsten völlig verändern.
Durch die Katastrophe und die Zeit danach müssen wir für den Rest unseres Lebens mit der veränderten Situation und den anderen Verhaltens- und Sichtweisen, die sich zwangsläufig mit dem Tod vom Jens eingestellt haben, fertig werden. Man weiß nie, was passiert, und wenn man nicht den Kopf in den Sand steckt, muss man sich dem Neuen stellen.
Er weist auf die Gebirgskette, auf die sich allmählich die Dunkelheit herabsenkt und meint, dass es eine schöne Gegend sei. Bisher kannte er sie nur aus dem Fernsehen, von der Berichterstattung über die Flugzeugkatastrophe. Er nennt uns das genaue Datum des Flugzeugabsturzes.
Das ist für uns der Anlass von Jens zu erzählen …
© Brigitte Voß
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