18.08.2020, Dienstag – Misstöne

°ZWEIHUNDERTZWEIUNDACHTZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Die endlosen Felder, die sich bis zum Horizont erstrecken und ein Meer aus leuchtendem Violett bilden, haben es mir angetan. Ich mag den betörenden Geruch der Pflanzen, der für mich Klarheit und Reinheit symbolisiert. Er dampft von den Feldern direkt in die Nase, er ist allgegenwärtig.
So beschließen wir, nach Valensole zu fahren. Das kleine Dorf befindet sich auf einer Hochebene im Département des Alpes-de-Haute-Provence. Es ist umgeben von Lavendelfeldern unterschiedlicher Größe. Sie können schon mal mehrere Quadratkilometer umfassen und werden von lokalen Bauern bewirtschaftet.
Als wir dort ankommen, bestätigen sich unsere Befürchtungen. Die Felder sind kürzlich abgeerntet worden. Einzelne Halme sind zwar stehen geblieben, doch das Violett ihrer Blüten ist verblasst. Immerhin liegt noch ein Hauch von Lavendelduft in der Luft. Trotzdem ist meine Enttäuschung groß. Ich möchte für Jens und für das Grab des iranischen Opfers einen Lavendelstrauß sammeln. Die Angehörigen aus dem Iran haben wegen der Pandemie keine Möglichkeit, nach Le Vernet zu kommen. Einige Hinterbliebene helfen sich in ähnlichen Fällen gern aus. Wir fahren mit dem Auto die Straße langsam ab und entdecken ein Feld, dessen Lavendelblüten wie in ihrer Hochblüte in sattem Violett in der Sonne glänzen. Ein Wegweiser steht am Straßenrand und weist auf ein Gebäude, das sich »Maison bleue« nennt.
Ich steige aus dem Fahrzeug und beginne, einige Ähren abzupflücken. Plötzlich höre ich einen Motor und sehe, ein Auto auf mich zufahren. Es bleibt auf dem Feldweg stehen. Türen öffnen sich, und zwei Personen kommen näher. Sie stellen sich als die Besitzer des Feldes vor. Mir schwant nichts Gutes. Ich könnte zu verstehen geben, dass ich kein Französisch spreche, aber irgendwie war mir das zu blöd. Mit wütenden Worten macht er mir verständlich, dass er nicht gern sieht, dass ich seinen Lavendel pflücke. Er würde damit sein Geld verdienen, und so weiter und so fort. Ich sehe mich schon als Dieb bei der Gendarmerie sitzen. Trotz des Schrecks hemme ich seinen Wortfluss, indem ich mich entschuldige. Auf meine Erklärung, dass ich bei einem früheren Besuch gesehen hatte, wie Touristen sich Sträuße pflückten (was der Wahrheit entspricht), zuckt er nur mit den Schultern und meint, ich könne ja seine Produkte kaufen, zum Beispiel Lavendelöl, Seife … Doch was soll ich damit am Grab, an der Stele oder im Gedenkraum anfangen? Im Gegenzug mache ich ihm das Angebot, den gepflückten Lavendel zu bezahlen. Er winkt nur ab, geht mit seiner Partnerin zurück zum Auto und entfernt sich Richtung »Maison bleue«. Natürlich stoppe ich die Räuberei. Ich atme auf und flüchte in unser Fahrzeug, wo mein Mann auf mich wartet.
Dennoch würde ich es in Zukunft, selbst mit dem Wissen, dass es verboten ist, abermals tun. An einem anderen Feld, versteht sich. Für Jens nehme ich Schwierigkeiten auf mich.
Wieder zurück, lege ich im Gedenkraum einige Lavendelzweige vor das Foto unseres Sohnes. Das Grab des iranischen Opfers und das Gruppengrab werden jeweils mit einem kleinen Strauß geschmückt. Für Jens platziere ich ihn vor den Stein mit seinem Namen. Für die Stele reichen die Halme nicht aus.
Ich bin mir sicher, dass zumindest Jens, den Lavendel zu schätzen weiß. Milad habe ich leider nie persönlich kennengelernt.
© Brigitte Voß


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