Wie jedes Jahr stelle ich, anlässlich des Geburtstages von unserem Jens einen aktuellen Beitrag ins Netz. Die Überschrift endet stets „ … Geburtstag ohne Jens“. Wie viele Male werde ich das noch schreiben? Werden irgendwann alle Worte gesagt sein? Ich weiß es nicht. Bisher sprudeln sie aus mir heraus und lassen die Tasten unter meinen Finger klappern …
Mein Mann und ich sind nach Südfrankreich gefahren, um Jens an seinem Ehrentag nahe zu sein.
Der heutige Tag neigt sich dem Ende zu. Er begann für uns recht traurig, aber momentan sind wir zufrieden. Positive Erlebnisse während des Aufstieges zur Absturzstelle und auf dem Friedhof von Le Vernet haben in uns Zuversicht geschenkt. Doch der Reihe nach:
Wie immer stellen wir das Fahrzeug am Parkplatz ab und wandern in der noch kühlen Morgenluft aufwärts – ich weiß nicht, zum wievielten Mal. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.
Schritt für Schritt laufen wir der noch tief stehenden Sonne entgegen. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Licht, Schritt für Schritt bewegen wir uns auf Jens zu. Es ist wie im Leben, das wir durchschreiten. Wir werden älter. Die Endstation unserer Lebenswanderung nennt sich Tod. Ihm können wir nicht ausweichen. Sind wir dann bei Jens?
Ich wundere mich über meine Gedanken.
Permanent geht es bergauf. Jeder läuft in seinem Rhythmus.
Kondenzstreifen am Himmel künden von Flugzeugen. Meist kommen die Flieger aus Afrika, erzählte uns einst ein Mitarbeiter der Lufthansa. Nur leider nicht jedes … Ich muss an meine Freundin denken. Sie meinte stets, wenn die Streifen schnell verschwinden, wird schönes Wetter, bleiben sie lange, wird es schlecht.
Sie ist jetzt dort, wo auch unser Sohn ist.
Der Tod von Jens hat eine riesige Lücke in unser Leben geschlagen, die wir nicht schließen können. In der leblosen Welt ist das möglich. Häuserlücken kann man durch den Bau zusätzlicher Gebäude auffüllen, Lücken in einer Wand können zugemauert werden, in lückenhafte Buchreihen stelllen wir neuen Bücher, usw., aber diejenige, die durch den Tod unseres Jens entstanden ist, vermögen wir nicht zu schließen.
Wir vermissen ihn schmerzlich. Niemals kommt er zurück.
Noch 400 m zum Col de Mariaud, danach ist es nicht mehr weit zu unserem Sohn.
Am Col legen wir eine kleine Rast ein. Erstaunlicherweise sehen wir zwei Pferde mit einer Glocke um den Hals, die vom Gras zupfen und sich ihrer Freiheit erfreuen.
Hin und wieder bin ich maßlos verwundert über sein Alter. Was hätte er wohl alles erlebt, wäre er nicht in diesen Todesflieger gestiegen? Heute begehen wir seinen 43. Geburtstag. Wie würde er wohl heute aussehen? Hätte er mehr Falten im Gesicht? Beginnendes graues Haar? Was wären seine Pläne? Niemand kann das wissen.
Wir laufen weiter. Die ersten Sichten auf die Absturzstelle werden frei.
Schmetterlinge umfliegen uns. Wir mögen das und freuen uns. Plötzlich setzt sich einer auf mein luftiges T-Shirt und weicht nicht von mir. Mein Herz schlägt schneller, die Sonne wärmt. Ich bleibe stehen, wage es nicht, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Er könnte ja wegfliegen. Gebannt beobachten wir ihn. Ist es ein Zeichen von Jens? Ein Gruß? Er fliegt weg, stärkt sich auf einer Blüte und setzt sich erneut auf meine Kleidung, wo er lange bleibt. Irgendwann flattert er weg.

Nach wenigen Metern erreichen wir die Aussichtsplattform, von wo der Blick unweigerlich auf die Absturzstelle fällt. 
Seitlich erstreckt sich die Schlucht, durch die das Flugzeug raste, ehe es am Fels zerschmetterte. Ich nenne das eigentlich zauberhafte Tal, das Tal des Todes.
Ein steiler Aufstieg steht uns jetzt bevor.
Die letzte Barriere.
Wir betreten die Todeszone. Nur noch ein kurzer Weg und wir sind am Ort des grausamen Geschehens. Ich bin ganz ruhig und bin in seiner Nähe.
Mein Mann kann es nicht lassen, die Lieblingsschokolade von Jens an den von uns ausgewählten Platz zu legen.
Wir sitzen, schweigen und sehen auf das Tal, durch das der Flieger kam.
Wieso bin ich in Harmonie mit mir? Jens ist bei uns.
Irgendwann treten wir den Rückweg an.
Kaum sind wir in Le Vernet angekommen, suchen wir den Friedhof auf. Gestern hatten wir die letzten Blumen im Supermarkt bekommen, und sie vor die Grabplatte gestellt.
Ich bin gerade dabei, sie aus der Vase zu nehmen, um sie mit den frischen Gräsern, die wir während des Abstieges gepflückt haben, aufzufüllen, als ein Schmetterling sich auf meinen Arm setzt. Er ist von einer Blüte des Straußes aufgeschreckt. Er bleibt eine Weile, bis er seinen Weg fortsetzt.
Natürlich ist das ein Gruß von Jens. Wir glauben fest daran.
© Brigitte Voß
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Hallo. Ich verfolge seit einigen Monaten Deinen Blog. Jetzt sitze ich gerade hier um viertel vor 12 am Bett meiner Tochter um bis sie schläft. Mein Sohn liegt ein Zimmer weiter. Ich lese das und vermag mir nicht zu erträumen wie schmerzvoll dieser Verlust sein mag. Fühlt Euch umarmt. Euer Kind ist immer bei Euch. Menschen sterben erst wenn man sie vergisst.
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Liebe Brigitte, es ist sehr bewegend, von deinen Gedanken und Erlebnissen heute an Jens‘ Geburtstag zu lesen. Ich bin ganz erschrocken, dass es schon der sechste Geburtstag ist, den er nicht mehr erleben kann. Natürlich kann ich das nachrechnen, aber diese Zahl zu lesen ist noch einmal anders. Es macht bewusst, wie viel Zeit schon ohne Jens vergangen ist. Und das Schlimme sind noch nicht einmal diese sechs Jahre, sondern zu wissen, dass sich auch in den kommenden sechs, zwölf, vierundzwanzig Jahren nichts an der Situation ändern wird, dass Jens nicht mehr da ist. Es tut mir so leid, dass ihr mit diesem Schmerz leben müsst, der niemals enden wird. Meine Gedanken sind heute bei euch und eurem lieben Jens.
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