15.08.2020, Sonnabend – Gedenken und Gedanken

Da unser Sohn Geburtstag hat, sind wir erneut in Le Vernet – trotz Corona. Das Virus schreckt uns nicht, denn der Wunsch an diesem Tag nahe Jens zu sein, ist wie von einer geheimen Magie besessen. Dennoch ist es das erste Mal, dass wir den bedeutsamen Tag in der Region verbringen, in der er sterben musste. Ich weiß, dass viele Menschen, das nicht nachvollziehen können. Erklärungen fruchten bei ihnen kaum. Die Angehörigen der Opfer verstehen es. Einige besuchen diesen Ort gerne, da es ihnen ähnlich ergeht wie uns, während andere ihn nicht aufsuchen können, weil sie zu traurig werden, oder die Erinnerungen an das schreckliche Geschehen sie überwältigen.
Seit der Öffnung der europäischen Grenzen unterstützt die Lufthansa die Reisen nach Le Vernet wie gewohnt. Sie bezahlen die Flüge, den Mietwagen bis zu einem bestimmten Betrag und zwei Übernachtungen im Restauranthotel »Inattendu« nebst zwei warmen Mahlzeiten.
Die Pandemie hat die Fahrten ins Ausland und somit auch nach Frankreich erschwert. Erst fielen die Flugverbindungen aus, momentan ist der Flugverkehr reduziert. Die Anreise per Flieger würde sich zu kompliziert und zeitraubend gestalten, da wir umsteigen müssten. Daher sind wir mit dem Pkw angereist. Wir haben in Lörrach übernachtet, denn von dort ist die Grenze zur Schweiz nicht weit.
Da wir uns erst im Juni um eine Ferienwohnung nahe der Gedenkstätten in Le Vernet kümmern konnten, waren keine der von uns gewünschten Unterkünfte mehr frei. Deshalb sind wir bei J. J. (Jean-Jacques) neben dem Restaurant »Café du Moulin« untergekommen. Wir hatten Glück, da in Frankreich im August Schulferien sind.  Wir haben bei unseren Besuchen in dem Bergdorf schon oft in seiner Gaststätte gegessen. Ich schätze seine Freundlichkeit und seinen Humor, obwohl auch ihn ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Seine Mutter wurde ermordet …
Wie erwartet ist die Umgebung der Ferienwohnung etwas laut. Das Haus steht direkt an der D 900. Der Straßenverkehr stört, und auf der Dachterrasse des Restaurants kann es bis weit in die Nacht geräuschvoll zugehen. Hinzu kommt, dass unmittelbar neben dem Schlafzimmer unserer Unterkunft ein Hahn wohnt, der zu arg früher Stunde mit seinem kreischenden Kikeriki den Morgen begrüßt und sich mit voller Lautstärke mit einem Artgenossen der Umgebung unterhält.
In der Nachbarwohnung lebt die Familie des Kochs. Die drei Mädchen im Teenageralter sind vermutlich seine Kinder. Ihr lautes Kichern und die wilden Spiele stören mich nicht, weil beides Lebenslust ausdrückt. Jens liebte sein Leben. Er war ein fröhlicher, optimischer Mensch. Sein Tod hat zur Folge, dass ich es kaum übers Herz bringe, meine Enkel zu zügeln, wenn sie bei uns sind und herumtoben und vor Freude schreien. Zu Hause verhält sich die Frau, die uns benachbart wohnt, mir gegenüber zunehmend unfreundlich. Aber das ist mir egal. Damit muss sie eben klar kommen. Mir ist bewusst, dass das kein guter Charakterzug von mir ist. Nur fehlt mir die Kraft, das wieder hinzubiegen.
Trotz allem können wir uns gut mit der Ferienwohnung arrangieren, obwohl mir bewusst ist, dass sich viele Deutsche über einiges maßlos aufregen würden. Wir sind im negativen Sinne ein besonderes Volk. In Südfrankreich werden andere Maßstäbe angelegt.
Wir sind gestern zur Absturzstelle gewandert. Es war gnadenlos heiß. Die Sonne schoss ihre Strahlen unbarmherzig auf uns herab, was dazu führte, dass die Wanderung anstrengender als sonst üblich war. Ich bin überzeugt, dass kein Südfranzose bei einem derartigen Wetter so etwas unternehmen würde. Dennoch war es für uns gut, wieder so nah bei Jens zu sein. Oft umflatterten uns Schmetterlinge in den verschiedensten Farben. Sie waren Wegbegleiter.
Morgen hat unser Jens Geburtstag. Als wir heute am Grab neben der Dorfkirche standen, dachte ich daran, wie schwer doch die Geburt verlief. Seit dem Flugzeugabsturz beschäftigt mich das. Hätten die Ärzte das Schicksal walten lassen, wären wir beide gestorben. Wollte die Natur Leiden verhindern?
© Brigitte Voß


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