Der Aufenthalt in Frankreich war äußerst befriedigend. Wir haben unsere Angehörigen-Freunde getroffen und tiefgründige Gespräche geführt, die Trost und Halt geben. Bewohner aus Le Vernet haben sich gefreut, uns wieder zu sehen. Die Restaurants waren geöffnet, die Maskenpflicht wurde unterschiedlich eingehalten. Sie erzählten uns, dass während der strengen Ausgangssperre die Gendarmerie durch den Ort fuhr, um zu kontrollieren, dass niemand sein Haus verließ. Es flogen sogar Hubschrauber über die Berge hinweg, denn das Wandern in der freien Natur war ebenfalls untersagt.
Wir suchten die vertrauten Gedenkorte wie den Gedenkraum, die Stele sowie den Friedhof auf. Es war offensichtlich, dass sie lange Zeit keinen Besuch von Angehörigen erhalten hatten, sie umgab ein verlassenes Flair. Fotos waren verrutscht, Gedenkstücke verblasst oder umgekippt. Vertrocknete Blumen.
Wir wanderten zweimal zur Absturzstelle, wo wir immer noch kleine Flugzeugteile fanden. Unterwegs sahen wir jede Menge bunter Schmetterlinge. Einer setzte sich sogar auf den Arm von meinem Mann und wollte nicht wieder wegfliegen.
Kaum sind wir in Deutschland, konfrontieren uns die Medien mit der Lufthansa. Sie hat den geplanten Kredit von 9 Milliarden Euro als sogenanntes staatliches Rettungspaket bewilligt bekommen. Dem voraus sind intensive Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung und der Europäischen Union gegangen. Gestern stimmten die Aktionäre des Konzerns ab.
Der Vorsitzende von Ryanair meint, die Lufthansa nutze die Corona-Krise aus, um sich mit den hohen Summen vom Staat zu bereichern. Die Öffentlichkeit, darunter Experten, diskutieren kontrovers. Kritiker bemängeln, dass die Staatshilfe zu großzügig sei, da die Bundesrepublik zu wenig Mitspracherecht und Kontrolle über die Entscheidungen der Fluglinie habe. Es wird befürchtet, dass die staatliche Unterstützung schließlich dazu führen könnte, dass der Konzern weiterhin ineffizient arbeitet und notwendige Strukturierungen vernachlässigt. Sie beanstanden, dass der milliardenschwere Kredit ohne ausreichende Auflagen vergeben wurde, zum Beispiel in puncto Klimaschutz oder zum Schutz der Arbeitsplätze. Ich halte es für äußerst fragwürdig, dass die Lufthansa eine enorme Geldsumme einstreicht und gleichzeitig 22 000 Mitarbeiter entlässt. Die Bürger des Landes finanzieren das Rettungspaket mit ihren Steuern. Vielleicht bleiben die Entlassenen lange Zeit arbeitslos? Ich finde das bedenklich. Mich hat beispielsweise niemand gefragt, ob ich mein Steuergeld dafür zur Verfügung stellen möchte. Ich könnte es gut für medizinische Behandlungen oder für erholsame Reisen gebrauchen, um mich von der Katastrophe und düsteren Gedanken abzulenken. Außerdem sehe ich die Lufthansa in der Verantwortung, dass das Flugzeug von einem Piloten gesteuert wurde, der niemals ein Cockpit hätte betreten dürfen.
In Verhandlungen hatte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sogar angeboten, dass die Piloten bereit wären, auf bis zu 45 Prozent ihres Gehalts verzichten, um Kosten zu sparen.
Ich bezweifle stark, dass das Unternehmen ausreichende Bemühungen unternimmt, um alternative Lösungen zum Erhalt der Arbeitsplätze zu finden. Der Rückenwind von Corona treibt Profitables voran, das heißt, die Lufthansa wird diese Geldflut in Milliardenhöhe gewinnbringend nutzen. Dabei treten die Schicksale der Betroffenen in den Hintergrund. Die Regierung sieht tatenlos zu. Ryanair kündigt eine Klage gegen die gewährten Beihilfen an.
Viele Unternehmen, einschließlich Fluglinien, kämpfen aufgrund von Covid-19 ums Überleben. Sie erhalten keine Milliardenhilfe vom Staat. Sie müssen sich aus eigener Kraft durchkämpfen oder scheitern. In diesem Sinne stellt der Deal zwischen Staat und Lufthansa eine Ungerechtigkeit dar.
© Brigitte Voß
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