22.05.2020, Freitag – Vertrauensverlust

Die Gerichtsverhandlung gegen die Lufthansa und die Flugschule fand am 06.05.2020 in Essen statt. Aufgrund der Corona-Auflagen konnten wir nicht persönlich daran teilnehmen. Die Richter werden ihre endgültige Entscheidung erst am 1. Juli verkünden. Sie deuten bereits an, dass der Konzern nicht der richtige Ansprechpartner für die Klagen sei. Die medizinische Überwachungspflicht der Piloten falle in die Zuständigkeit des Staates, genauer gesagt, des Luftfahrtbundesamtes.
Diese Information lässt mich verwundert die Augen reiben. Alles, was ich möchte, ist, dass Jens und den anderen Opfern der Katastrophe Gerechtigkeit widerfährt. Der Copilot hätte mit seinen Erkrankungen niemals Passagiermaschinen steuern dürfen. Der medizinische Dienst ist dafür verantwortlich und dieser hat zumindest in meiner Welt für die Lufthansa gearbeitet. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die endgültige Entscheidung zugunsten des Konzerns fallen wird. Damit wäre er fein raus.
Es ist befremdlich: Einerseits erbittet der Konzern vom Staat eine milliardenschwere finanzielle Unterstützung aufgrund der Verluste, die vermeintlich als Folge der Pandemie entstehen, wobei er jegliche Einmischung der Bundesrepublik ablehnt. (Dieses Vorgehen wird von vielen als unverschämt empfunden.) Andererseits finden das Gericht und die Fluglinie Gefallen daran, die Verantwortung für den Germanwings-Absturz auf den Staat abzuwälzen.
Noch ist der Kredit nicht gewährt. Die Verhandlungen ziehen sich dahin, jedoch eine Übereinkunft scheint in Sicht.
Sollten die Gelder für solch eine Hilfe nicht nutzbringender und praxisorientierter eingesetzt werden? Beispielsweise besteht ein dringender Bedarf an FFP2-Masken, insbesondere zum Schutz von Senioren in den Heimen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen sind sie von ihren Angehörigen getrennt. Diese Situation ist äußerst belastend und kann als eine Form psychischer Folter empfunden werden. Soziale Isolation hat nicht nur zur Folge, dass man sich verlassen fühlt. Sie kann gesundheitliche Probleme verursachen und damit das Sterben, einen einsamen Tod, fördern. Durch den Einsatz von Filtermasken und Covid-19-Tests könnten Familien ihre betagten Großeltern besuchen und möglicherweise sogar umarmen. Da wäre die Video-Telefonie nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Heime, die diese Möglichkeit bieten, muss man mit der Lupe suchen.
Die Digitalisierung und Deutschland sind ein Paar linke Schuhe.
Es fehlt einfach an Geld, um solche Maßnahmen durchzusetzen. Für die Lufthansa sind Hilfen in Sicht, für unsere Omas und Opas in den Pflege-Einrichtungen leider nicht. Wo bleibt da die Menschlichkeit?
Warum, eigentlich muss der Konzern gerettet werden? Die Flugzeuge sind vorhanden und könnten von Fremdunternehmen für eine neue Fluglinie genutzt werden. (Dies sind nur meine persönlichen Gedanken zum Fall Staatskredit.)
Ursprünglich wollte ich in diesem Beitrag  etwas anderes Schreiben, nämlich über das rigorose Ende des Love-Parade-Prozesses. Doch immer, wenn das Thema auf die Lufthansa kommt, habe ich das Gefühl, unseren toten Jens in Schutz nehmen zu müssen und ihn zu verteidigen. Infolgedessen greife ich an und fühle mich im Recht.
Zur Love-Parade:
Die Klage in Essen findet eine Fortsetzung, während für die Familien und Überlebenden der Love-Parade von 2010 in Duisburg, jegliche Hoffnung gestorben ist. Ihr Prozess, einer der aufwendigsten der Nachkriegszeit, wurde Anfang des Monats ohne Urteil eingestellt. Er zog sich über neun Jahre dahin. Die Aufarbeitung wurde wohl bewusst verzögert. Die Ungewissheit unter den Angehörigen muss quälend gewesen sein. Und dann diese Entscheidung! Zuletzt haben nur noch drei leitende Mitarbeiter des Veranstalters auf der Anklagebank gesessen. (Siehe Blogbeitrag »19.12.2017, Dienstag – belastete Trauer«)
Das Landgericht in Duisburg begründete die Einstellung des Verfahrens mit der Verjährungsfrist, die Ende Juli abläuft, sowie den Einschränkungen infolge der Pandemie. Der Einstellungsbeschluss ist unanfechtbar. Keiner der Verantwortlichen wurde zur Rechenschaft gezogen. Sachverständige konnten nicht mehr befragt werden. Das muss für die Opfer und ihre Familien eine weitere Tragödie sein.
21 Menschen haben einfach mal so ihr Leben verloren, und Überlebende der Katastrophe leiden immer noch. Ich finde das furchtbar. Die Einstellung des Verfahrens dürfte bei den Angehörigen das Vertrauen in die Gerechtigkeit der deutschen Justiz vollkommen erschüttert haben.
© Brigitte Voß


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