11.05.2020, Montag – »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker« (Friedrich Nietzsche)

Seit Anfang Mai sind einige Corona-Beschränkungen aufgehoben. Zumindest in Sachsen. Wie es in anderen Bundesländern aussieht, weiß ich nicht. Der Mindestabstand bleibt bestehen, aber es ist wieder erlaubt, dass Angehörigen zweier Haushalte sich treffen dürfen. Die Schulen werden schrittweise geöffnet. Das Tragen von Masken wird weiterhin dringend empfohlen. Es gibt weitere Lockerungen, trotzdem mangelt es bis heute an Toilettenpapier. Die Regale sind leer. Sogar Wissenschaftler finden keine Erklärung für solcherart Hamsterkäufe. Auf Twitter habe ich ein Video, gesehen, in dem sich kreischende Kundinnen im Supermarkt um das begehrte Produkt prügeln. Ist das das wahre Leben? Was würde wohl Jens zu all dem sagen?
Obwohl ich noch nicht zur Altersgruppe von 70+ zähle, gehöre ich je nach wechselnder Festlegung mal zur Risikogruppe und mal nicht. Mein Mann sollte sich aufgrund einer früheren Krankheit vorsehen. Wir sind dankbar, dass wir unsere Familie wieder persönlich sehen können. Die Enkelkinder üben einen besonderen Einfluss auf uns aus. Seit Jens nicht mehr ist, ist uns genauestens bewusst, was wir an ihnen haben. Von einem Augenblick zum anderen kann etwas Schreckliches passieren. Das hat uns das Leben gelehrt. Außerdem erinnere ich mich gern an seine Kinderzeit. Auf mysteriöse Weise lebt er in den Enkeln weiter.
Die vergangen Video-Telefonate konnten den direkten Kontakt nicht ersetzen.
Als wir uns das erste Mal in der freien Natur trafen, hatten wir den guten Vorsatz, uns wegen der Ansteckungsgefahr nicht zu umarmen. Niemand kann die Krankheit mit dem bösen großen C gebrauchen. Und dennoch ergab es sich einfach so. Die Kinder rutschten auf einer Bank, auf der wir uns ausruhten und unterhielten, immer näher an uns heran und schmusten auffallend oft mit uns. Uns wurde warm ums Herz. Das tat ungemein gut. Wir waren nicht in der Lage, sie wegzuschieben. Ebenso haben wir die feuchten Abschiedsküsschen unseres Jüngsten nicht verhindert. Ich hätte ihm die Situation seinem Alter entsprechend erklären können. Er hätte es verstanden. Allerdings konnte und wollte ich es nicht. So ist es für uns in bester Ordnung.
Es ist grausam, von der Familie getrennt zu sein. Sie ist das Kostbarste, was wir haben, und deren Wert wir bewusst wahrnehmen.
Als die Psychologin mich am Telefon fragte, wie ich mich fühle, konnte ich dennoch nicht umhin zu sagen, dass es mir gut geht. Das war das erste Mal seit dem Tod von Jens. Es ist absurd.
Wie bereits im Blog beschrieben, empfinde ich mich nicht mehr als Außenseiter (siehe »Karfreitag« ) Die gesamte Menschheit kämpft mit Covid-19. Unterhalte ich mich über die Nöte der Krise, werde ich besser verstanden, obwohl der Schmerz der Trauer stärker in mir präsent ist. Der Gedanke, dass Jens nicht mehr ist, begleitet mich ständig. In den ersten Tagen nach dem Flugzeugabsturz war ich hilflos. Ansprechpartner, die helfen konnten, wie man mit einem gewaltsamen Tod umgeht, gab es zunächst nicht. Wie verarbeitet man die Information, dass das Flugzeug (und damit auch die Insassen) »pulverisiert« wurden? Verhaltensmuster, die man sich bewusst oder unbewusst im Laufe seiner Existenz zulegt, waren nicht vorhanden. Trotzdem ging das Leben weiter, und ich musste darauf reagieren.
Es mag sein, dass ich seit der Katastrophe besser mit ungewohnten, schwer zu ertragenden Situationen umgehen kann als Menschen, die nie solch einem Ereignis ausgesetzt waren. Vielleicht hat es mich seelisch gestärkt. Zumindest fühle ich mich trotz aller belastenden Widrigkeiten mit der Pandemie oft weniger gestresst als andere Personen aus meinem Umfeld. Doch das funktioniert bei mir nur, solange kein geliebter Mensch an Corona erkrankt oder gar stirbt.
Jens und die Mitinsassen des Airbusses waren der Absturzsituation hilflos ausgeliefert. Wir hingegen können handeln, das Virus bekämpfen und uns mit geeigneten Maßnahmen schützen.
Allerdings, niemand ist unendlich belastbar.
© Brigitte Voß


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