30.04.2020, Donnerstag – blauer Himmel und graue Gedanken

Vor dem Tod von Jens sind wir gern und oft mit unseren Fahrrädern unterwegs gewesen, meist in der Natur. Seitdem haben wir sie ignoriert, die Motivation fehlte. Infolge der erheblichen Ansteckungsgefahr mit Covid-19, die insbesondere durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel besteht, und weil die Bewegung an der frischen Luft gesund ist, liegt es voll im Corona-Trend, dass sich die Mitmenschen auf das Zweirad besinnen. Wir beobachten einen bedeutend höheren Fahrradverkehr auf den Straßen und Wegen. Allmählich bekommen auch wir Lust, es erneut zu probieren. Deshalb haben wir uns neue Fahrräder gekauft, da die alten bereits …zig Jahre auf dem Buckel haben.
Die Nachfrage ist momentan so hoch, dass die Menschen vor den Fahrradgeschäften Schlange stehen, und wir die ausgesuchten Räder nicht sofort mitnehmen können. Wir können es kaum erwarten, wieder in die Pedale zu treten.
Jens liebte das Radfahren. Es fing als Kleinkind mit einem Dreirad an, später nahm er mit Sporträdern an Wettkämpfen teil.
»Jens freut sich bestimmt, wenn er das sieht«, sage ich wie so oft. Ich bin überzeugt, dass er uns mit Argus-Augen vom Himmel oder sonst einem mystischen Ort aus überwacht, um unsere Fortschritte in der Verarbeitung des grausamen Geschehens zu beobachten. Leider existiert kein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass Verstorbene unser Leben überwachen oder gar beeinflussen können. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, sie gibt mir Trost und Freude und hilft, mit dem gewaltigen Verlust umzugehen.
Während das Fahrradgeschäft boomt, und weitere Firmen von der Pandemie profitieren (zum Beispiel Pharmaunternehmen, der Online-Handel, Streaming Dienste, usw.), haben andere mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen.
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa Carsten Spohr verkündete, dass der Konzern infolge der Pandemie stündlich eine Million Euro verlieren würde. Die Airline würde statt täglich 350 000 Passagiere derzeit weniger als 3000 transportieren. Das führt zu offensichtlich drastischen Maßnahmen, die teilweise zu hinterfragen sind. Die Tochterfirma Germanwings wurde vor einigen Wochen endgültig eingestellt, auch andere Flugzeuge von Teilgesellschaften sollen stillgelegt werden. Laut Carsten Spohr sind 7000 Mitarbeiter betroffen, darunter fallen 1400 der Tochter Germanwings. Allerdings war die Entscheidung, die Fluglinie einzustellen, schon lange zuvor intern beschlossen worden und hatte nichts mit dem Virus zu tun. Ab April 2014 begann Eurowings schrittweise, die Flüge von Germanwings zu übernehmen. Die Beschäftigten warfen der Konzernführung zu Recht vor, die Corona-Krise nur als Vorwand zu nutzen, um Kosten einzusparen und sie zu entlassen, anstatt Alternativen wie Kurzarbeit oder andere Formen der Arbeitsplatzsicherung in Betracht zu ziehen. Unter dem Deckmantel der Pandemie wolle man sich der Mitarbeiter schnell entledigen.
Die Lufthansa hat vom Staat einen milliardenschweren Kredit beantragt, wobei sie ein Mitspracherecht der Regierung ablehnt.
Die Gewährung der Staatshilfe sollte an die Bedingung geknüpft werden, Arbeitsplätze zu schützen. Leider sieht es nicht danach aus.
Die Verhandlungen laufen. Ich befürchte, dass dieser hohe Betrag der Steuerzahler begleichen muss. Mein Interesse daran ist aus verständlichen Gründen gleich null.
Mich macht das alles wütend.
Da kann der strahlendblaue Himmel nur trösten. Er strahlt in einem intensiven Blau wie noch nie. Ich bilde mir das nicht ein. Der Lockdown ist dafür verantwortlich. Weniger Verkehr, weniger Flugzeuge, weniger Industrie führen zu weniger Schadstoffen in der Luft. Mit meiner Wahrnehmung stehe ich nicht allein da.
Es ist schön. Der Himmel ist tiefblau. Er ist blauer als Blau. Bliebe es nur immer so.
© Brigitte Voß

 


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