Ich vermisse meine Enkel. Aufgrund der Corona-Maßnahmen können wir uns nicht persönlich sehen. Wir treffen uns zwar vor dem Computer per Videokonferenz, doch der direkte Kontakt fehlt. Besonders während der Osterzeit.
Immerhin sind wir erfinderisch:
Ein gemeinsames Kaffeetrinken ist per Bildschirm möglich. Neuigkeiten werden ausgetauscht. Wir spielen sogar »Mensch-ärgere-dich-nicht«, wobei die andere Seite für uns die gewünschten Spielsteine rückt, und wir nur würfeln müssen.
Befriedigend ist das nicht. Ich bin wehmütig. Mit ihnen durch die Wohnung zu toben und uns als Monster zu verkleiden, wäre besser.
Wir halten uns an die offiziellen Regeln, denn mit dem Virus ist nicht zu spaßen.
Zu Sassis Geburtstag haben wir ein Paket geschickt, ebenso zu Ostern mit der obligatorischen Osternascherei. Das Ostereiersuchen bleibt aus. Keine Umarmungen.
Corona untersagt die Dinge, die uns seit dem Tod von Jens helfen, sich im Leben erneut zurechtzufinden.
Die Enkel haben uns stets jede Menge Kraft gegeben. Unter diesen Bedingungen ist sie leider gedämpft. Trotzdem müssen wir dankbar sein, ihre Stimmen zu hören und sie gleichzeitig in einer kleineren Ausführung auf dem Bildschirm des Computers zu sehen. Ein Hoch auf die Elektronik.
Wir wollten zukünftig oft reisen, weil wir bemerkt haben, wie positiv sich die Ablenkung durch andere Landschaften und Erlebnisse auf uns auswirkt. Stattdessen mussten wir einen bereits organisierten Urlaub in der Bretagne canceln. Schon 2015 planten wir, dorthin zu fahren, doch dann saß unser Jens in der verhängnisvollen Germanwingsmaschine und wurde von mörderischer Hand in den Tod gezwungen.
Nun hatten wir die Reise erneut geplant, und sogar, was kaum noch passiert, langfristig im Voraus gebucht.
Zum fünften Jahresgedenken konnten wir nicht in Le Vernet sein. Werden wir dieses Jahr überhaupt nach Frankreich kommen? Ich sehne mich danach.
Die Gerichtsverhandlung am 6. Mai in Essen wird wohl verzögert und spielt damit der Lufthansa in die Hände. Wegen der Corona-Einschränkungen wurde vom Landgericht vorgeschlagen, die Verhandlung schriftlich zu führen. Beschließen kann das Gericht das nur, wenn beide Parteien einverstanden sind. Der Konzern hat verständlicherweise zugestimmt, aber nicht die betroffenen Angehörigen. Es sollte schon ein richtiger Prozess sein, einer, bei dem wir dabei sein können. Uns ist das wichtig. Die vorher geplante Informationsveranstaltung von Rechtsanwalt Giemulla in Haltern ist sowieso hinfällig.
Unser Fitnesstraining fällt natürlich auch aus. Obwohl Sport gut für Körper und Psyche ist, reicht die Selbstdisziplin nicht aus, im häuslichen Rahmen Übungen zu absolvieren. Der Antrieb fehlt. Wir nutzen die Möglichkeit, an die frische Luft zu gehen, da wir uns im Umkreis von 15 km vom Wohnort bewegen dürfen.
Es herrscht strahlendes Wetter, und wir wären gern auf dem Zeltplatz, aber dieser bleibt wegen Corona außer Betrieb. Gerade dort würden wir uns jetzt wohlfühlen.
Was ebenfalls verunsichert ist, dass in jedem Bundesland andere Regelungen gelten. Beispielsweise sind in Sachsen die Baumärkte geschlossen. Da wir am Nordrand wohnen, ist es nicht weit bis Sachsen-Anhalt, wo die Märkte geöffnet sind. Das soll mir mal einer erklären. Die wenigen Kilometer fahren mit Sicherheit viele Sachsen, um Benötigtes einzukaufen. Covid-19 freut sich. Ihm wird geholfen, sich über die Landesgrenze zu verbreiten.
Seit dem Tod von Jens habe ich furchtbare Angst, mir liebe Menschen zu verlieren. Kommt mein Mann verspätet nach Hause, wollte unmittelbar nach der Katastrophe die Panik in mir hochkriechen. Ich wurde außergewöhnlich unruhig. Diese Verlustangst nimmt abermals einen breiteren Raum ein.
Etwas Positives bringt das Virus mit sich. Ich habe mit der neuen Nähmaschine etwas Nützliches genäht, nämlich Mundschutze. Das war eine wichtige Aufgabe. Es hat mir richtig Spaß gemacht, und ich überlege, was ich als Nächstes nähen könnte. Die Kreativität ist aktiviert.
Corona ist die zweite Tragödie, die wir erleben. Sie ist voller Widrigkeiten und erschwert unser Leben. Für mich, jedoch ist der Tod von Jens das Schlimmste, was mir jemals zugestoßen ist. Mit der Zeit werden wir damit allein gelassen. Die Katastrophe interessiert nur noch wenige. Trotzdem hat das Virus eine wohltuende Änderung in mir bewirkt. Die Krise betrifft jeden Menschen. Wir sitzen alle im selben Boot, sogar im Weltmaßstab. Die gesamte Menschheit muss die Pandemie gemeinsam meistern. Wir sind viele, ich bin nicht allein, ich gehöre dazu. Und das ist gut zu wissen. Es hat etwas Beruhigendes, trotz der Ungewissheit. Ich fühle mich aufgehoben, ich schwimme mit dem Strom der Masse mit. Das gibt Sicherheit.
© Brigitte Voß
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Das alles hört sich nach 3 Jahren so surreal an…
Wahnsinn, wie still unsere Welt stand.
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