°ZWEIHUNDERTEINUNDSECHZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Vor fünf Jahren wurde ein Airbus von Germanwings an einem Fels in den südfranzösischen Bergen zerschmettert. Keiner der Insassen überlebte. Seit fünf Jahren ist Jens tot. Es geschah an einem Dienstag. Heute ist Dienstag.
Übermüdet sitze ich am Frühstückstisch. Wir schweigen.
Den folgenschweren Tag müssen wir allein verbringen. Das Verlassen von Haus und Wohnung darf maximal nur mit einem Angehörigen des eigenen Hausstandes erfolgen, sodass wir nicht mit unserem Sohn und seiner Familie zusammensein dürfen.
Seit zwei Tagen befinden wir uns in einem bundesweiten Lockdown. Wir, in Sachsen, müssen nachweisen, dass der Weg zum Friedhof (½ Stunde mit Auto) ein triftiger Grund ist. Wir nehmen die Sterbeurkunde mit, um im Falle einer Kontrolle belegen zu können, dass Jens tot ist und wir das fünfjährige Jahresgedenken an seinem Grab begehen möchten. Es ist zu befürchten, dass wir wegen der Ausgangsbeschränkungen von Ordnungskräften gestoppt werden, um eine Weiterfahrt zu verhindern. Wir dürfen zwar unter bestimmten Bedingungen an die frische Luft, müssen uns jedoch im »Umkreis des Wohnortes« aufhalten, wobei der »Umkreis« nicht näher definiert wurde.
Der Umgang mit dem Virus verunsichert, zumal in jedem Bundesland andere Regelungen gelten.
Die Situation nervt. Das erste Mal weilen wir zum Jahrestag nicht nahe der Absturzstelle in Le Vernet, was uns ungemein grämt. In Frankreich herrschen noch schärfere Regeln zur Bekämpfung von Covid-19 als in Deutschland.
Wir durchfahren gespenstisch leere Straßen. Keine Menschen, kaum Fahrzeuge. Wir kommen ohne Kontrolle problemlos voran. Das Friedhofstor ist geöffnet.
Auf dem Weg zum Grab begegnet uns niemand. Offensichtlich sind wir auf dem riesigen Friedhof die einzigen Besucher.
Wir stellen eine Kerze auf das Grab, aus deren Bild uns Jens verschmitzt anlächelt. Das Foto stammt aus irgendeiner fernen Zeitrechnung. Frische, bunte Blumen ragen aus der Vase. Lange stehen wir davor. Die Kälte kriecht den Rücken hinauf.
Wir sind erleichtert, dass der Friedhofsbesuch ohne Komplikationen abgelaufen ist …
In den Netzwerken posten Hinterbliebene der Katastrophe Fotos ihrer verstorbenen Lieben. Es wird mit weinenden Smileys, Herzen sowie Daumen-hoch-Bildchen geantwortet. In den Kommentaren trösten wir uns gegenseitig. Besser wäre ein gemeinsames Trauern am Absturzort.
Eine Leserin meines Blogs schreibt:
»…ich bin mir sicher, eines Tages, wenn auch unsere Zeit gekommen ist, werden unsere Kinder auf uns zu laufen, wir werden die Arme nacheinander ausstrecken und dann, endlich, können wir sie in den Arm nehmen und müssen sie nie wieder loslassen …«.
Freunde und Bekannte im jetzt so fernen Frankreich denken an uns, fühlen mit uns. Das tut ungemein gut. Der Flugzeugabsturz hat auch bei den Bewohnern des Bergdorfes seine Spuren hinterlassen. Trotz der Ausgangssperre findet auf dem Friedhof von Le Vernet eine kleine Gedenkzeremonie statt. Die Bürgermeister von Le Vernet und Prads legen einen Kranz auf das anonyme Grab.
Hervé sowie die Frau des Bürgermeisters schicken uns entsprechende Fotos. Ich bin beeindruckt. Und als sich Hervé aufmacht, um bei dichtem Nebel und Schnee in die Berge zum Aussichtspunkt zu wandern und uns davon Aufnahmen übermittelt, bin ich zu Tränen gerührt, obwohl das miese Wetter die Sicht zur Absturzstelle trübt.
Später meldet sich Cristiana mit weiteren Fotografien. Sie steht mit ihrem Sohn sowie Hund Bingo vor der Stele und hält eine gemalte Botschaft in die Kamera, die mit roten Herzen verziert ist – 149 Herzen, jedes Herz symbolisiert eine Person, die mit der mörderischen Maschine reiste und dabei in den Tod befördert wurde.
Es steckt viel Arbeit in der handgefertigten Zeichnung. Es ist so ein lieber Gruß. Ich mag das Bild auf dem Handy nicht schließen.
Vor der Stele sehen wir die in Stein gravierte Fotografie von Jens, die wir aufgestellt hatten. Dahinter befinden sich Blumen. Von wem sie stammen, wissen wir nicht.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Liebe Brigitte,
ich freue mich, dass du noch an meine Worte von vor 3 Jahren denkst ❤️.
Und nun sind wir unseren Kindern schon wieder 3 Jahre näher gekommen…
Liebe Grüße
K.
LikeGefällt 1 Person