°ZWEIHUNDERTEINUNDSECHZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Vor fünf Jahren wurdest du uns einfach so genommen. Fünf lange Jahre haben sich zwischen deinem Leben und unserem geschoben. Die unmittelbare Nähe zu dir rückt weiter von uns ab, in eine neblige Ferne.
Wir kämpfen gegen die Zeit.
Wir haben uns einen elektronischen Bilderrahmen gekauft und anstelle des einen Bildes auf das Regal gestellt, das bisher dir gewidmet war. Wir besitzen eine Menge Fotos von dir, weil bei uns jeder fotografierte. Einige stammen aus deiner Kamera, oder Freunde haben sie dir gegeben.
Er steht neben der Vase, die ich stets mit frischen Blumen für dich fülle, denn außer auf den Bildern, bist du immer in uns.
Mein Mann speist sukzessive einen Stick, der klein und bescheiden in der Rückwand des Bildschirms steckt. Er hat es gewaltig in sich.
Wechselnde Fotos führen uns durch dein gesamtes Leben, dem nur 37 Jahre vergönnt waren. Sie zeigen dich zusammen mit Freunden, Bekannten, mit der Familie oder mit Personen, die dir im Moment der Aufnahme etwas bedeuteten, in den unterschiedlichsten Umgebungen. Manchmal kann ich gar nicht hinschauen, zu schwer wird es mir ums Herz, obwohl fünf Jahre eine lange Zeitspanne sind. Ich bräuchte nur auf einen Knopf drücken. Dein buntes Leben würde augenblicklich aus dem Rahmen verschwinden und die Schwärze des Screens würde mich noch trauriger machen.
Neulich sah ich in einem amerikanischen Spielfilm wie ein Cowboy-Vater, der vor Jahren seine Tochter verlor, seinem indianischen Freund, der gerade das gleiche Schicksal durchmacht, rät: »Lass den Schmerz zu, stelle dich ihm, verdränge ihn nicht, denn ohne ihn gibt es keine Erinnerung. Sie ist das einzige, was dir von deinem Mädchen bleiben wird.«
Die Fotos erinnern mich intensiv daran, wie es mit dir war. Sie sind wie eine eine Kontaktaufnahme mit dir.
Manchmal stehe ich lange davor und betrachte aufmerksam die Bilder, die in nichtchronologischer Abfolge automatisch wechseln.
Auf einer digitalisierten Schwarzweißfotografie hält die Kinderschwester der Entbindungsstation ein kleines Bündel in den Händen, aus dem ein Köpfchen mit mürrischer Miene hervorschaut.
Sie präsentiert dich mit stolzem Lächeln, weil du ein schwerer Wonneproppen warst. Meine Familie konnte dich nur hinter einer Glasscheibe bewundern. Das entsprach den damaligen Hygienevorschriften. So auch, dass das Neugeborene nicht in einem Bettchen neben seiner frischgebackenen Mama liegen durfte. Es gab Stillzeiten, in denen ich dich zu sehen bekam, musste allerdings dabei einen Mundschutz tragen, das war ebenso normal, zumindest im Krankenhaus.
Dieses allererste Foto von dir beschäftigt mich in vielerlei Hinsicht. Ich spüre noch die Freude, als du plötzlich zu uns gehörtest. Ohne die Ärzte wäre das nicht möglich gewesen, wir wären beide gestorben. Ich sinniere, ob die Natur das so gewollt hätte, denn dein Leben hast du trotzdem zu früh verloren, wenngleich viel später, aber leider vor uns. Gibt es einen Lebensplan, der sich unserem Wissensstand entzieht und gegen den letztendlich keinerlei Kraut gewachsen ist? Ich stelle diese Frage, obwohl sie mir niemand beantworten kann.
Das nächste Bild schiebt sich seitwärts in den Rahmen. Du lachst mich an, ich kann es sehen. Was wäre, wenn ich das plötzlich hören könnte. Ich lausche in die Stille hinein, um dein Lachen aufzuspüren. Wie hat es geklungen? Kurze Momente der Konzentration. Ich habe Erfolg. Es dringt aus der Ferne zu mir. Es klingt gedämpft, aber ich bekomme es mit meiner Vorstellungskraft zusammen.
Du schaust mich aus dem Rahmen herausfordernd an. »Los rede mit mir!«, sagen deine Augen!
»Möchtest du dich mit mir in Endlosdiskussionen verlieren?«, flüstere ich.
Und schon geht das Spiel weiter. Es ist ruhig im Zimmer, die Ohren sind gespitzt, bis ich die geliebte Stimme wie durch Nebel hören kann.
Du sagst: »Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter.«
Du provoziertest mich gern mit Helge Schneider, weil ich ihn damals nicht mochte. Stets folgten mehr oder weniger ernst zu nehmende Auseinandersetzungen.
Schade, dieser Spaß ist vorbei. Du bist weg, bleibst weg und wirst es für immer bleiben.
Die Zeit verrinnt.
Die Fotos fordern meine Fantasie heraus. Ich muss sie trainieren, denn sie ist ein sicherer Ort.
Die Aufnahmen erzählen Geschichten, Erinnerungen tauchen auf. Sie sind durch den Shuffle-Mode bunt gemixt. Mal ist dein Bruder bedeutend kleiner als du, und auf dem folgenden Bild sieht er genauso groß aus. Euer Streit, wer wen um einen Zentimeter überragt, grenzte an eine lustige Zeremonie.
Fotos zeigen dich in deinem Element, nämlich in der sportlichen Bewegung, wie Radfahren, Laufen und Schwimmen, meist bei Wettkämpfen. Dein armer Bruder ist jetzt Einzelkämpfer.
Häufig standen wir in der Fankurve. Mir war egal, welchen Platz du belegtest, Hauptsache du hattest Spaß.
Die schönen Urlaube, oft in den hohen Bergen, manchmal auch am Meer, werde ich nie vergessen.
Du im Schnee, du beim Wandern, du humpelst an Krücken, du mit deinen Freunden, du im Ausland und zuhause, du beim Stollebacken, lesend im Bett, du mit Schlüsselbeinbruch und befremdlichen Rucksackverband, du im Anzug als Trauzeuge, usw.
Einige Fotos erschrecken, weil von den abgebildeten Personen keiner mehr lebt.
Das allerletzte Bild, das wir von dir besitzen, zeigt dich mit Schwägerin und ungewöhnlichem Kopfschmuck. Ihr habt wahllos genommen, was vor euch auf dem Tisch lag. Ihr schaut vergnügt in die Kamera.
Vieles hat sich seitdem geändert. All das ist vorbei. Fünf Jahre bist du schon tot. Am liebsten würde ich dich aus dem elektronischen Bilderrahmen herausziehen. In Gedanken sehe ich, wie wir aufeinander zu rennen, die Arme ausgestreckt, um uns zur Begrüßung zu umarmen. Ich spule den Film in Zeitlupe ab, da er so schön ist. Er treibt mir die Tränen in die Augen. Ich ziehe dich zu mir heran, aber ich fühle deinen Körper nicht. Ab diesem Punkt versagt die Fantasie. Sie kann mich Vergangenes hören, manchmal auch riechen lassen, sie kann Gefühle erzeugen sowie innere Bilder. Doch Berührungen vermag sie nicht zu simulieren. Ich spüre nichts auf der Haut. Soweit reicht meine Vorstellungsgabe nicht.
Du bist tot, und das seit fünf Jahren.
Leider können wir nicht nahe der Absturzstelle bei dir sein. Wer hätte jemals gedacht, dass wir zum fünften Jahresgedenken keine Kerzen für dich und die anderen armen Seelen in Le Vernet anzünden können, dass keine Blumen auf dem dortigen Grab liegen werden, und dass die Zwiesprache mit dir im Angesicht der Berge, die Grausames erleben mussten, entfällt. Es wird kein gemeinsames Trauern mit den Angehörigen geben. Die Grenzen sind geschlossen, in Frankreich herrscht Ausgangssperre.
Bleibt uns noch das heimische Grab. Leider ist aufgrund der Corona-Maßnahmen fraglich, ob wir es besuchen können. Ein zusätzlicher Albtraum.
Für die Außenwelt gibt es Wichtigeres.
Das Corona-Virus lässt uns seine Macht spüren.
© Brigitte Voß
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