23.03.2020, Montag – die Coronakrise spitzt sich zu

Das Virus wirbelt unser Leben total durcheinander. Normalerweise hätten wir vor einigen Tagen die Koffer gepackt und wären nach Le Vernet gereist, um Jens nahe zu sein. Meiner depressiven Stimmung bekommt das aufgezwängte Fernbleiben von Jens, ausgerechnet jetzt zum Jahresgedenken ganz und gar nicht.
Die Außenwelt hat andere Probleme. Wir hören von Maßnahmen und Beschlüssen, von denen niemand geahnt hat, dass es sie geben wird. Sie sollen die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Die Zahl der Toten hat sich seit Ende Januar verdoppelt. Die Ansteckungsgefahr ist extrem hoch. Man spricht von Virusmutationen. Gestern trat in Deutschland ein Lockdown in Kraft, mit der Folge, dass das öffentliche Leben nahezu erlahmt ist. Geschäfte wurden bis auf die für Lebensmittel geschlossen. Apotheken sowie Tankstellen bleiben ebenfalls geöffnet. Versammlungen jeglicher Art sind verboten. Sogar ein Kontaktverbot besteht. Ausgenommen sind Familien.
Ab Mitte Juni sollte die Fußball-Europameisterschaft stattfinden. Die UEFA hat entschieden, sie wegen der Corona-Pandemie auf den Sommer 2021 zu verschieben. Konzerte, auf die man sich gefreut hatte, finden nicht statt.
Das Landgericht in Duisburg will den Loveparade-Prozess ohne Urteil einstellen. Der nächste Verhandlungstermin war für April angesetzt. In dem Verfahren sollen die Verantwortlichen der Katastrophe von 2010 festgestellt werden. Aufgrund der weltweiten Seuche wäre es angeblich aussichtslos, vor Ablauf der Verjährung im Juli einen Schuldspruch zu fällen.
Für die Hinterbliebenen der Todesopfer sowie für die geschädigten Überlebenden muss das ein herber Tiefschlag sein. Corona spielt den Schuldigen in die Hände.
Im Hinblick auf die Germanwings-Katastrophe hat das Landgericht in Essen einen ersten Verhandlungstermin festgelegt. Er soll am 6. Mai stattfinden. Wer weiß, ob das Kontaktverbot von mehr als zwei Personen eine Verschiebung des Termins bewirken wird.
In Sachsen ist es seit letzter Nacht untersagt, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen. Wege zur Arbeit und zum Einkaufen bleiben erlaubt. Sport und Bewegung an der frischen Luft ist nur allein oder mit Angehörigen des eigenen Haushalts und im Umfeld des Wohnbereiches gestattet.
Das oberste Ziel all dieser Maßnahmen ist, einen Kollaps im Gesundheitswesen zu verhindern.
Die Welt um mich herum steht kopf. Allerdings nehme ich die Ereignisse nur am Rand einer traurigen Umnachtung wahr, während eine Freundin der regelrechten Panik unterliegt, das Virus könnte sie erwischen. Ich kann sie nicht beruhigen. Um ihre Todesangst besser zu verstehen, horche ich in mich hinein, wie es mir erginge, wüsste ich, ich müsste an der Krankheit sterben. Obwohl ich mich anstrenge, das Bauchgefühl bleibt ruhig. Das ist erstaunlich, da ich trotz des grausamen Todes von Jens am Leben hänge. (Die störrische Erwiderung, »dann wäre ich wenigstens bei Jens!«, drängt sich auf.)
Die Angst überwiegt, dass wieder jemand stirbt, den ich liebe oder mag. Ich möchte niemanden mehr für verlieren. Es reicht!
Wenn schon die Reise zum Ort des Flugzeugabsturzes nahe Le Vernet durch das Virus verhindert wird, möchten wir auf jeden Fall den morgigen Gedenktag am heimischen Grab unseres Sohnes verbringen. Allerdings bangen wir, überhaupt den Friedhof zu erreichen. Es ist von polizeilichen Kontrollen zur Einhaltung der oben erwähnten Ausgangssperre die Rede.
Das fünfte Jahresgedenken wird schaurig und beklemmend werden. Aufgrund der globalen Tragweite, die das unsichtbare Virus bewirkt, wird wohl kein Angehöriger, egal, aus welchem Land er stammt, nach Le Vernet reisen können. Trotzdem und trotz der landesweiten Ausgangssperre in Frankreich soll zum Gedenken an die armen Opfer eine kleine Gedenkzeremonie auf dem dortigen Friedhof abgehalten werden.
© Brigitte Voß


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