Das Coronavirus breitet sich unbarmherzig aus. In Deutschland sind derzeit 1139 Fälle bekannt, in Frankreich 1412. Die Zahlen steigen rapide. Seit gestern Nachmittag sind die EU-Außengrenzen dicht, eine Ausnahme spielt Großbritannien.
So kurz vor dem Jahrestag.
Die Bundesrepublik hat bereits vor einigen Tagen die Grenzen nach Frankreich und anderen Ländern geschlossen. Da wir in Le Vernet Freunde und Bekannte haben, und wir uns mit Frankreich verbunden fühlen, verfolgen wir die dortigen Entwicklungen mit Interesse. Die Bewegungsfreiheit der Franzosen ist stark eingeschränkt. Sie dürfen ihre Häuser nur noch verlassen, um einzukaufen, zur Arbeit zu gehen, um den Arzt aufzusuchen oder um unter Auflagen sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass ähnliche Maßnahmen bei uns beschlossen werden. Die unterschiedlichsten Einrichtungen sind wie bei uns geschlossen.
All diese Beschlüsse verhindern zum Jahresgedenken eine Reise nach Le Vernet. Ich kann mich nur schwer damit abfinden. Ich empfinde es als eine zusätzliche Trennung von unserem toten Jens. Ein kleiner Trost ist, dass uns Hervé versprochen hat, am 24. März anstelle von uns zum Col de Mariaud zu wandern, um den Opfern des Flugzeugabsturzes zu gedenken. Selbst das dürfte wegen der verschärften Maßnahmen in dem Land nicht möglich sein.
Macron verwendet starke Worte: »Wir sind im Krieg. Wir kämpfen weder gegen Armeen noch gegen eine andere Nation. Aber der Feind ist da, unsichtbar – und er rückt vor.«
Das Virus verunsichert. In Halle und Bayern wurde der Katastrophenfall ausgerufen.
So werden wir den Gedenktag auf dem heimischen Friedhof verbringen. Leider steht dieser Plan auf wackligen Füßen, weil ähnliche Festlegungen wie in Frankreich zu erwarten sind.
Das fünfte Jahresgedenken wird gespenstisch.
All das, was uns in der Trauer Zerstreuung bringt, hat wegen Corona seine Tore geschlossen. Das sind das Fitnessstudio und seit heute der Zoo, den wir gestern noch besuchten. Die meisten Tiere waren nicht auf den Außenanlagen. Der Grund erschließt sich mir nicht, denn es war schönes Wetter. So leer habe ich den Zoo niemals gesehen. Die Menschen bleiben zu Hause. Die sonst so überfüllten Spielplätze gähnen vor Langeweile. Ein trauriger Anblick. Ebenso auf dem morgendlichen Weg zum Bäcker. Es sind kaum Frühaufsteher unterwegs. Wenigstens die zahlreichen Hunde aus unserem Wohngebiet müssten doch ausgeführt werden?
Die Zeit der äußeren Zwänge hat begonnen, und wer weiß, was sie alles mit sich bringen wird. Die Auflagen der Bundesländer und der Regierung schränken die Freiheiten der Bevölkerung massiv ein. Sie sollen vor Covid schützen, verhindern jedoch Aktivitäten, die uns von den Gedanken an die furchtbare Katastrophe ein wenig ablenken. Ihre Möglichkeiten sind zunehmend eingeschränkt, obwohl ihnen im Schmerz um unseren Sohn eine bedeutende Rolle zukommt.
Vor seinem Tod verlief das Leben normal. Danach begann die fremde Epoche ohne ihn. Sie ist schwer und bewegt sich in Zwängen, die ich mir selbst auferlegt habe, um in der selbstgerechten Gesellschaft nicht unterzugehen. Täglich könnte ich weinen, was ich unterdrücke. Das würde niemand mehr verstehen. Fünf Jahre sind seit dem Crash vergangen, und damit müsste für die Umgebung alles wieder gut sein. So ist es traurigerweise nicht. Ich muss mich beherrschen, lache mit, wenn es notwendig ist, und plappere Floskeln, weil es zum normalen Ton gehört. Irgendwie muss man ja bestehen.
Eine unsichtbare Struktur mit der exakten Bezeichnung Covid-19 schränkt die gesamte Menschheit in ihren Freiheiten ein. Jeder Einzelne wird individuelles Leid erfahren.
© Brigitte Voß
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