Ich bin erschöpft.
Seit Jens vor fünf Jahren gewaltsam sterben musste, ist diese Welt nicht mehr die, die sie mal war. Sie ist für mich zerbrechlicher geworden, irgendwie desolater, unsicherer. Jeden Moment kann etwas passieren.
Und jetzt gibt es Corona. Strukturen (so definieren Wissenschaftler Viren), die wir nicht einmal sehen können, stellen ungeahnte Herausforderungen an die Gesellschaft.
Es wird wohl verhindern, dass wir zum fünften Jahresgedenken nach Le Vernet reisen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.
Gestern trudelte eine Nachricht von Lufthansa ein, die unter anderem besagt:
«…Wir stehen im kontinuierlichen Austausch mit den französischen Behörden und haben in den letzten Tagen die Situation sehr intensiv diskutiert. Bis heute sind wir davon ausgegangen, dass die Gedenkfeier mit einigen Einschränkungen stattfinden kann. Die Vorbereitungen hatten wir bereits an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Doch die französischen Behörden haben nun aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus in Europa ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, das eine Durchführung einer Veranstaltung mit vielen international anreisenden Personen in dieser Größenordnung untersagt. Es ist uns damit zu unserem großen Bedauern nicht mehr möglich, eine Gedenkfeier durchzuführen …«
Wir haben schon lange vor, unabhängig von Lufthansa per Privat-Pkw nach Le Vernet zu fahren. Die Unterkunft ist seit Monaten organisiert.
Aber auch das steht auf wackligen Beinen, denn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron trommelt kommenden Montag die G7-Staaten zu einer Videokonferenz zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass die Ländergrenzen geschlossen werden. Und das würde all diejenigen treffen, die individuell wie wir nach Le Vernet reisen möchten.
So gleicht die gestrige Absage von Lufthansa ebenso einer Absage an die »Unabhängigen« wie wir. Sie wird gerechtfertigt sein wie andere unpopuläre Beschlüsse gegen das Virus.
Für viele der Angehörigen wird es ein schwerer Einschnitt sein, zum fünften Jahresgedenken nicht in Le Vernet zu sein.
Es tut weh und macht ungemein traurig. Für mich kommt das einer gewaltsamen Trennung von Jens nah, obwohl mir mein Verstand sagt, dass das Unsinn ist. Das Gefühl geht eigene Wege. Die Seele trägt Wunden, die wohl nie verheilen.
Sicher wird der Aufruhr in unseren Herzen niemand interessieren. Zuviel Ungewisses stürmt durch Corona auf die Menschen ein. Trotzdem wird es in diesem Makrokosmos die unterschiedlichsten, tragischen Schicksale Einzelner geben, die derzeit für die Gesellschaft, für das Große, Ganze nicht wichtig sind. Dennoch existieren sie.
Ich hoffe, dass das böse Wort »Grenzschließung« nicht fällt, und wir doch noch nach Le Vernet reisen können.
Die nächste Woche wird es entscheiden.
Bleibt gesund.
© Brigitte Voß
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